Progressives Judentum und Zionismus
Unterstützung des Staates Israel
Progressives Judentum in Israel
Der Begriff "Zionismus" meinte ursprünglich eine Bewegung, die das Ziel hatte, ein jüdisches Heimatland zu schaffen. Seit der Gründung des Staates Israel bezieht er sich auf dessen Unterstützung und Entwicklung.
Für das progressive Judentum ist Zionismus eine der Reaktionen auf die Anliegen der Moderne. In den Anfängen des progressiven Judentums wurde der Zionismus von vielen aus religiösen und ideologischen Gründen abgelehnt: Er stellte einen säkularen Zugang zum Judentum dar und verneinte die religiöse Grundlage des Judentums. Zum anderen untergruben sein jüdischer Nationalismus und die Betonung des Volkszusammenhangs das Streben nach Emanzipation und Gleichberechtigung, die Hauptanliegen jüdischen Engagements in der westlichen Welt. Und schließlich schmälerte er die Rolle Israels als einem Vorbild für die Menschheit, das die gesamte Menschheit zum messianischen Zeitalter führen würde. Diese Einstellung kann durch die Aussage der Pittsburgh Platform von 1885 zusammenfasst werden:
In dem modernen Zeitalter einer universalen Kultur des Herzens und der Vernunft sehen wir den Anbruch der großen messianischen Hoffnung Israels auf die Verwirklichung des Königreichs der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Friedens unter allen Menschen. Wir betrachten uns selbst nicht mehr als ein Volk, sondern als eine religiöse Gemeinschaft und erwarten daher weder eine Rückkehr nach Palästina noch einen Opferkult unter Aufsicht der Söhne Aarons noch die Wiedergültigwerdung irgendwelcher Gesetze, die einen jüdischen Staat betreffen.
Dennoch waren einige Führer des progressiven Judentums seit den Anfängen der Bewegung engagierte Zionisten. Unter ihnen waren Jacob Raisin, Rabbiner Bernard Felsenthal, Max Margolis und Rabbiner Maximilian Heller sowie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Rabbiner Stephen S. Wise und der Richter am obersten Gerichtshof Louis D. Brandeis. Zu den deutschen Zionisten zählten Franz Rosenzweig und Arthur Ruppin. Das progressive Judentum selbst nahm 1920 eine neutrale und 1937 in der Columbus Platform eine positiv pro-zionistische Position ein:
Das Judentum ist die Seele, deren Körper Israel ist. … Im Wiederaufbau Palästinas, dem Land, das durch Erinnerungen und Hoffnungen geheiligt ist, sehen wir die Verheißung eines erneuerten Lebens für viele unserer Brüder. Wir bekräftigen die Verpflichtung des gesamten Judentums, dabei zu helfen, es als ein jüdisches Heimatland zu bilden, durch Bestrebungen, es nicht nur zu einer Zuflucht für die Verfolgten zu machen, sondern auch zu einem Zentrum jüdischer Kultur und spirituellen Lebens.
In dieser Zeit wurde der amerikanische Zionismus durch drei Reform-Rabbiner geführt: Stephen S. Wise, Abba Hillel Silver und Barnet Brickner, neben vielen Laienführern, einschließlich des Richters am obersten Gerichtshof Felix Frankfurter.
Die Schrecken der Scho’ah hatten den Glauben an einen reinen Universalismus und eine sich stetig fortentwickelnde Menschheit zutiefst in Frage gestellt. Nun wurde die Notwendigkeit eines jüdischen Heimatlandes, in dem Juden ohne Angst vor Antisemitismus leben konnten, weithin anerkannt. Nachdem der Staat Israel Wirklichkeit geworden war, änderten viele, die bis dahin noch antizionistisch eingestellt waren, ihre Meinung. Nach der Staatsgründung 1948 entstand in Großbritannien ein Gebet für das Wohlergehen dieses Staates, das im deutschsprachigen Gebetbuch enthalten ist. 1958 empfahl die Assembly of Rabbis der britischen Reformsynagogen die Feier eines jährlichen Jom ha-Atzma'ut-Gottesdienstes. Die zunehmende weltweite Identifikation von Juden mit dem Staat Israel und ihre Sorge um sein Überleben nach einer Reihe von Kriegen führten dazu, dass der Zionismus im weltweiten progressiven Judentum eine breite Verankerung fand. Darüber hinaus war es offenkundig, dass die Befürchtungen der Vergangenheit sich als grundlos erwiesen hatten. Die Existenz Israels minderte nicht die Loyalität der Juden zu ihren Heimatländern. Das Aufkommen eines jüdischen Nationalismus untergrub die Religiosität nicht – im Gegenteil, vor allem nach dem Sechstagekrieg 1967 wurde deutlich, dass die Hingabe an Israel die jüdische Identität vieler assimilierter Juden zu stärken vermochte, die zuvor keinen Kontakt zur jüdischen Gemeinde hatten.
Die Jerusalem Platform der Weltunion für Progressives Judentum (1968) bekannte sich zur Einheit des jüdischen Volkes und der zentralen Rolle Israels im jüdischen Leben, zur Sammlung des jüdischen Volkes in seinem historischen Heimatland Eretz Jisrael durch die Alija aus allen Ländern, zur Stärkung des Staates Israel, der sich auf der prophetischen Vision von Gerechtigkeit und Frieden gründet, zur Bewahrung der Identität des jüdischen Volkes durch die Förderung von Unterricht in Judentum und Hebräisch sowie den jüdischen geistigen und kulturellen Werten und zum Schutz der Rechte von Juden an allen Orten. 1975 stellte die Weltunion für Progressives Judentum den Antrag auf Mitgliedschaft in der Zionistischen Weltorganisation. 1977 gründete sie den ersten Reform Kibbuz Yahel im Negev. Fünf Jahre später wurde in der Nähe ein weiterer Kibbuz, Lotan, ins Leben gerufen. Damit kam man den Forderungen aus verschiedenen Gemeinden nach, Niederlassungen von progressiven Juden in Israel zu gründen.
In den folgenden Jahrzehnten wurde diese pro-zionistische Einstellung wiederholt zum Ausdruck gebracht: durch Resolutionen, öffentliche Erklärungen, Einflussnahme auf die Politiker zugunsten Israels, die Gründung progressiver Kibbuzim, ein Israeljahr in der Ausbildung aller progressiven Rabbiner und der Gründung einer Einrichtung des Hebrew Union College in Jerusalem. Eine Zusammenfassung der aktuellen Position des progressiven Judentums zum Zionismus kann der Miami Platform aus dem Jahr 1997 entnommen werden. Sie entstand zum 100. Jahrestag des ersten zionistischen Kongresses, in dem Herzl zur Gründung eines modernen jüdisches Staates aufgerufen hatte. In dieser Erklärung wird die Verbundenheit des Volkes Israel (Am Jisraèl) zum Land Israel (Eretz Jisraèl) herausgestellt und die sich daraus ergebende Verantwortung für den Staat Israel (Medinat Jisraèl). Es gelte danach zu streben, ein "Königreich von Priestern" sein, ein "heiliges Volk" und "ein Licht für die Völker". Die Erklärung beinhaltet eine theologische Bewertung des Staates Israel, eine Definition des Verhältnisses zwischen Juden in der Diaspora und Israel sowie konkrete Verpflichtungen der Juden in der Diaspora für das Land und den Staat Israel. Der Staat trage eine moralische Verantwortung. Er werde letzten Endes nicht nach seiner militärischen Macht beurteilt werden, sondern nach seinem Charakter. Juden in Israel und Juden in der Diaspora trügen bei der Gestaltung des Schicksals des Judentums Verantwortung füreinander. Jede Gemeinde sei zwar autonom und selbstbestimmt, habe aber gleichzeitig eine Verantwortung für das Schicksal aller Juden weltweit. Israel gegenüber bestünden besondere Verpflichtungen (siehe dazu unten Kap. XI.2). Die Miami Platform schließt mit der Feststellung:
Die Errungenschaften des modernen Zionismus: die Schaffung des Staates Israel, die Wiederbelebung der hebräischen Sprache, die Aufnahme von Millionen Immigranten, die Verwandlung verwüsteter Orte in blühende Wälder und Felder, die Entwicklung einer blühenden neuen Wirtschaft und Gesellschaft, sie sind ein Sieg des jüdischen Geistes, für den es keine Parallele gibt. Wir halten an unserer Liebe zu Zion fest. Wir sind entschlossen, auf den Tag hinzuwirken, an dem jedes jüdische Herz voller Stolz und Zuversicht ist, weil die Verheißung erfüllt ist (Ps 126,1-2): "Wann aus dem Elend Gott nach Zion führet: So sind wir wie vom Traum erwacht. Voll Lachens ist dann unser Mund, frohlockenvoll die Zunge. Und alle Heiden sprechen: Für sie hat Wunder Gott getan!"
Das wichtigste Zeichen der Zugehörigkeit und Verantwortung aber ist die Tatsache, dass die Weltunion für progressives Judentum ihren Weltsitz in Jerusalem genommen hat. Als einzige Strömung innerhalb des Judentums ist sie damit zur Urstätte von Glaube, Tradition und Kultur des Judentums zurückgekehrt.
Im heutigen progressiven Judentum hat Israel eine sehr facettenreiche Bedeutung: Es ist der Schauplatz der frühen Geschichte des Judentums; die jüdischen Gebete haben die Erinnerung daran über zweitausend Jahre lang bewahrt; es ist einer der wenigen Orte der Welt, an denen es seit der biblischen Zeit eine kontinuierliche jüdische Präsenz gibt; es beheimatet einen großen Prozentsatz der jüdischen Weltbevölkerung; es ist eine Zufluchtsstätte für Jüdinnen und Juden, die in anderen Ländern verfolgt werden und es wurde zu einem Zentrum jüdischer Kreativität und jüdischen Fortschritts. Zweifellos nimmt es in den Herzen aller progressiven Jüdinnen und Juden eine besondere Stellung ein. Zum 50. Jahrestag der Staatsgründung steht eines deutlich fest: Das progressive Judentum ist ein Partner Israels.
Allgemeine Unterstützung
Um die Sicherheit der Medinat Jisraèl zu fördern und das Wohl seiner Bürger zu gewährleisten, verpflichten wir uns zur Fortsetzung der politischen und finanziellen Unterstützung.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Medinat Jisraèl zu fördern. Man kann einen finanziellen Beitrag zu leisten, indem man die JIA (Joint Israel Appeal) unterstützt, die Hauptspendenagentur für Israel, die die Gelder für pädagogische und soziale Projekte an Israel weiterleitet. Daneben gibt es andere Organisationen, die gezielt bestimmte Projekte unterhalten, zum Beispiel Kinderkrankenhäuser, Aufforstungsprojekte, Stadtentwicklung, Rehabilitation verwundeter Soldaten und anderes. Man kann Israel wirtschaftlich unterstützen, indem man bewusst israelische Produkte wie Früchte oder Industrieerzeugnisse kauft oder im kaufmännischen Bereich in israelische Projekte investiert bzw. Geschäftsbeziehungen mit israelischen Firmen entwickelt. Dies kann in ähnlicher Weise auf diejenigen übertragen werden, die in kulturellen oder wissenschaftlichen Bereichen tätig sind.
In Anbetracht der Tatsache, dass die Hebräischkenntnis sowohl für das Studium des Judentums wie auch für die Verfestigung der Solidarität zwischen israelischen Juden und Juden in der Diaspora unerlässlich ist, verpflichten wir uns, den Hebräischunterricht in allen Einrichtungen des Reformjudentums zu intensivieren. Das Hebräische, die Sprache unserer heiligen Texte und Gebete ist ein Symbol der Wiederbelebung des Am Jisraèl.
Um das Bewusstsein für eine jüdische Volksgemeinschaft zu erhöhen und ein tieferes Verständnis für Israel zu fördern, beschließen wir, Unterrichtsprogramme und religiöse Bräuche durchzuführen, die das Band zwischen dem Reformjudentum und dem Zionismus zum Ausdruck bringen und verstärken.
Eine weiteres konkretes Zeichen der Unterstützung ist, Urlaub in Israel zu machen und persönliche Beziehungen mit den Menschen und den Orten in Israel zu knüpfen.
Um das Bewusstsein für Israel zu vertiefen und die jüdische Identität zu stärken, rufen wir alle progressiven Juden auf, Erwachsene und Jugendliche gleichermaßen, in Israel zu studieren und das Land regelmäßig zu besuchen.
Wir bestätigen die Echtheit und Notwendigkeit eines kreativen und dynamischen Diasporajudentums, doch gleichzeitig unterstützen wir die Alija (Immigration) nach Israel mit der Absicht des Jischuw Eretz Jisraèl (der Sesshaftwerdung im Land Israel). Juden können zwar in der Diaspora ein Thora-orientiertes Leben Leben führen, doch nur in der Medinat Jisraèl tragen sie die unmittelbare Verantwortung für die Regierung dieser Gesellschaft und können die gesamten Möglichkeiten ihres individuellen und gemeindlichen religiösen Strebens verwirklichen.
Im progressiven Judentum gilt die Alija als eine Möglichkeit für ein erfülltes jüdisches Leben. Diejenigen, die sich entschließen, sich in Israel niederzulassen, werden dazu ermutigt. Die Alija gilt als die tatkräftigste Unterstützung des Aufbaus des jüdischen Staates als auch seines jüdischen Lebens. Gleichzeitig betont das progressive Judentum die Rolle von Juden in ihren Heimatländern und ihre Aufgabe, sich dort für ein lebendiges Gemeindeleben einzusetzen. Das, was das Judentum über die Jahrhunderte ausgemacht hat, ist erst in der Spannung zwischen Diaspora und Eretz Jisrael entstanden.
Im Vertrauen, dass die Synthese des Reformjudentums zwischen Tradition und Moderne und seine geschichtlich verankerte Verpflichtung zum tikkun olam (Vervollkommnung der Welt) einen einzigartigen und positiven Beitrag zum jüdischen Staat leistet, verpflichten wir uns, unsere Bemühungen zu intensivieren, Israelis über die Werte des progressiven Judentums zu informieren und zu unterrichten. Wir rufen die progressiven Juden überall auf, ihre Energien und Möglichkeiten für die Stärkung eines genuinen progressiven Judentums in der Medinat Jisraèl einzusetzen.
In der Gegenwart ist es eine ironische Tatsache, dass die progressiven Gemeinden in Israel sich in einer ähnlichen zweitklassigen Situation befinden wie die progressiven Gemeinden in Deutschland. Dies liegt an der politischen Macht der orthodoxen Parteien in Israel, die das dortige progressive Judentum heftig und teilweise gewaltsam bekämpfen. Die progressiven Gemeinden in Israel können keine rechtsgültigen Eheschließungen durchführen, ihre Konversionen anerkennen lassen oder an Beerdigungen mitwirken. Es gibt erhebliche Schwierigkeiten, wenn man ein Grundstück für den Bau einer progressiven Synagoge erwerben will. In jüngster Zeit kam es zu Auseinandersetzungen darüber, ob an der "Klagemauer" auch Platz für progressive Gottesdienste sein könne.
Aus dieser Situation ergibt sich eine weitere Möglichkeit, Israel zu unterstützen: durch die Förderung der dortigen progressiven Gemeinden. Überall in der Welt haben progressive Synagogen Kontakte zu israelischen progressiven Gemeinden geknüpft und Partnerschaften geschlossen, um voneinander zu lernen und gegenseitige Besuche zu organisieren. Diese und andere Verbindungen werden von der in London ansässigen Organisation The Friends of Progressive Judaism in Israel organisiert. Sie stellt auch finanzielle Hilfen für progressive Institutionen in Israel zur Verfügung (Schulen, neue Gemeinden und übergemeindliche Projekte), denen häufig die Unterstützung vorenthalten wird, die die israelische Regierung den orthodoxen Einrichtungen gewährt. Die European Region der World Union of Progressive Judaism erließ 1998 auf ihrer Tagung in Lyon eine Resolution, in der zur Gründung lokaler Arzenu-Gruppen aufgerufen wird. Arzenu ("unser Land") ist eine weltweite progressive zionistische Organisation, die sich unter anderem in Israel für das progressive Judentum einsetzt. Arzenu ist zugleich eine laute Stimme gegen die Bestrebungen der religiösen politischen Parteien Israels, das Rückkehrergesetz zu ändern. Dieses Gesetz wurde 1950 von der Knesset erlassen und erlaubt allen Juden, sich in Israel niederzulassen. Das derzeit gültige israelische Recht erkennt zum Zweck der Einbürgerung den jüdischen Status derer an, die in einer progressiven Synagoge konvertiert sind. Das israelische orthodoxe Rabbinat bekämpft dies heftig und bringt regelmäßig Vorlagen ein, welche die Anerkennung des jüdischen Status bei denen, die Alija machen, auf diejenigen beschränken wollen, die durch orthodoxe Instanzen konvertiert wurden. Da dies vielen progressiven Juden vor allem aus den Vereinigten Staaten die bürgerlichen Rechte aberkennen, ein Zweiklassensystem innerhalb des Judentums schaffen und die internationalen jüdischen Gemeinden spalten würde, kämpft Arzenu für die Beibehaltung des Status Quo.
Viele Juden tun sich schwer damit, israelische Vorgehensweisen oder die israelische Politik zu kritisieren. Es erscheint als illoyal, angesichts der vielen Völker, die Israel gegenüber ausgeprägt feindlich gesonnen sind, die negativen Stimmen noch zu vermehren und Brüche innerhalb der jüdischen Solidarität mit Israel zu zeigen. Es handelt sich um ein sehr persönliches und umstrittenes Thema. Progressive Juden finden sich in großer Zahl sowohl unter den Befürwortern als auch unter den Gegnern israelischer Politik. Doch man kann sich dem Land und dem Volk Israel vollkommen verbunden fühlen, ohne auf der Seite einer bestimmten Regierung zu stehen; diese Situation ist im Blick auf die Regierung im jeweiligen Heimatland selbstverständlich. Wenn man für sich das Recht beansprucht, die inneren oder außenpolitischen Angelegenheiten eines Landes zu kommentieren, dann sollte dieses Recht im Blick auf Israel auch für uns und andere Juden gelten. Wer unfähig ist, Fehler in Israel zuzugeben, verliert seine Glaubwürdigkeit bei seinem Einsatz für Israel. Außerdem besteht die Gefahr, den Staat zum Gott zu machen und Nationalismus in Götzendienst zu verkehren. Man darf nicht vergessen, dass Israel eine Demokratie ist und es im Land selbst oft lautstarke Auseinandersetzungen gibt. Das, was in der Diaspora gesagt wird, kann selten mit der Heftigkeit der Kritik innerhalb Israels mithalten. Wenn es auch nicht einfach oder bequem sein mag, Israel zu unterstützen und gleichzeitig kritisch zu sein, so ist doch das eine ohne das andere ein schlechter Dienst an den höchsten Idealen des Judentums und den Visionen der Staatsgründer. Der Jom ha-Azma’ut-Gottesdienst in Seder ha-Tefillot enthält nicht zufällig einen Text des führenden zionistischen Philosophen und Theologen Martin Buber, der mit den Worten endet:
Ich denke, dass Gott nicht einen Teil der Erde abgibt, damit jemand wie Gott in der Bibel sagen könnte: "Das ganze Land ist mein!" (Ex 19,5). Das eroberte Land ist meiner Meinung nach auch den Eroberern, die sich darauf niedergelassen haben, nur geliehen. Und Gott wartet nun ab, was sie daraus machen werden.
Und David Ben Gurion sagte:
Der Staat Israel wird weder an seinem materiellen Wohlstand noch an seiner militärischen Stärke noch an seinen technischen Errungenschaften gemessen werden, sondern an seinem moralischen Charakter und seinen menschlichen Werten.
Die Unterstützung Israels erfordert unser ganzes Herz. Gleichzeitig soll sie aber aufrichtig geschehen – mit dem Recht, seine Politik zu kritisieren und sich über seine Fortschritte zu freuen.
Juden haben in der Diaspora zwar das Recht, politische Entscheidungen in Israel zu kritisieren, die Politik jedoch wird von denen entworfen und umgesetzt, die in Israel leben. Das progressive Judentum unternimmt keinen Versuch, sich mit einer politischen Partei zu identifizieren. Dies geschieht neben dem eben Gesagten auch deshalb, weil das progressive Judentum selbst ein großes Spektrum politischer Positionen abdeckt. Dennoch gibt es bestimmte allgemeine Auffassungen, die von progressiven Juden vorzugsweise vertreten werden, zum Beispiel die Unterstützung des religiösen Pluralismus und die Notwendigkeit, den progressiven Gemeinden in Israel gleiche Rechte einzuräumen. Ein weiterer Punkt, in dem die meisten Mitglieder des progressiven Judentums übereinstimmen, besteht darin, dass die Gebiete von Judäa und Samaria, die während des Kriegs 1967 erobert wurden, nicht aus religiösen Gründen behalten werden müssen, wie es viele orthodoxen Juden behaupten. Die Tatsache, dass diese Gebiete in biblischer Zeit ein Teil Israels waren, bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie auch für das moderne Israel wesentlich sind und niemals Gegenstand von Verhandlungen sein dürfen. Es kann freilich andere Gründe geben, sie zu behalten, zum Beispiel Sicherheitsinteressen. Doch diese können sich wandeln und eines Tages unnötig werden, wenn ein umfassender Friede erreicht sein wird. In der Zwischenzeit, solange Judäa und Samaria von Israel kontrolliert werden, müssen die Menschenrechte geachtet werden. Das tägliche Leben sollte trotz der gegenwärtig feindschaftlichen Atmosphäre so normal wie möglich ablaufen können. Die Forderungen nach Freiheit und Gerechtigkeit, die für andere Teile der Welt gelten (siehe VIII.6), müssen auch auf Israel anwendbar sein:
Wir haben Verständnis für die Notwendigkeit, während der Besatzungszeit in den besetzten Gebieten für Recht und Ordnung zu sorgen und wir wissen, dass dies eine schwierige und unerfreuliche Aufgabe für die israelischen Streitkräfte darstellt. Wir sehen die extreme Provokation und sind betrübt, dass solche Provokation dazu führt, den Haß und die Gewalt auf beiden Seiten zu vermehren. Dadurch wird jedoch in keiner Weise die Verantwortung verringert, die jüdische Lehre auch in Zeiten des Krieges und im Blick auf die Behandlung von Kriegsgefangenen anzuwenden. Sie fordert zu allen Zeiten die Achtung des Ebenbildes Gottes in jedem Menschen, sei er jüdisch oder nichtjüdisch.
Israel muss seine Interessen sicherstellen, doch die moralische Gesundheit der Nation ist ein ebenso lebenswichtiger Faktor. Hoffnung, Moral und Sicherheit sind nicht zwangsläufig unvereinbar, sondern können und sollen einander ergänzen.