Erlaubte Tätigkeiten an Fest- und Feiertagen
In der Orthodoxie sind alle Tätigkeiten, die am Schabbat verboten sind, auch an den Festtagen verboten, mit einer Ausnahme: Es darf Essen gekocht werden, das am gleichen Tag verzehrt wird. Das progressive Judentum hielt es im Blick auf den Schabbat für notwendig, diese Bestimmungen im Licht der modernen Lebensumstände neu zu bedenken. Daher gelten das Autofahren oder der Gebrauch von Elektrizität nicht als "Arbeit" und beides ist an den Festtagen nicht verboten. Im Gegenteil, solche Dinge können oft den Besuch der Gottesdienste oder die Festtagsfreude überhaupt erst ermöglichen. Die Richtlinien, was an Festtagen getan und vermieden werden sollte, sind dieselben, die für den Schabbat vorgeschlagen wurden (siehe oben, Kapitel VI,1-2). Im Unterschied zur orthodoxen Praxis feiern progressive Gemeinden im Allgemeinen den ersten Tag jedes Festes und keine zwei aufeinanderfolgenden Festtage (Siehe dazu ausführlicher Kapitel VII.12). Daher ist die Notwendigkeit, Essen am Festtag selbst vorzubereiten, weniger dringlich. Dieser zweite Tag wird auch in Israel nicht begangen. In der Diaspora entstand dieser Brauch wegen einer Kalenderunsicherheit, die heute nicht mehr besteht.
Die Bibel sagt eindeutig, dass man Pessach sieben Tage lang feiern soll, vom vierzehnten Tag des ersten Monats an (Levitikus 23,5-6 [Emor]), Schawuot einen Tag lang – am sechsten Tag des dritten Monats (Levitikus 23,21), Rosch ha-Schana einen Tag lang – am ersten Tag des siebten Monats Levitikus 23,24) und Sukkot sieben Tage lang vom fünfzehnten Tag des siebten Monats an (Levitikus 23,34). Die genauen Termine der Feste hängen von der Verkündigung des Neumonds ab, der alle 29 oder 30 Tage eintritt. Früher wurde er ausgerufen, sobald der neue Mond gesichtet wurde und dies meldete man dem Sanhedrin (der Rechtsversammlung in Jerusalem), der dann offiziell verkündete, dass der neue Monat begonnen hatte. Die Botschaft wurde im ganzen Land durch Leuchtfeuer und die Aussendung von Boten verbreitet. Doch die schnelle Kommunikation wurde schwierig, als Juden auch außerhalb Israels wohnten, zum Beispiel in Babylon oder Ägypten. Natürlich war jedem klar, dass der Neumond nur an einem, nicht an zwei Tagen gesichtet wurde (daher auch die Feste in diesem Monat nur auf einen einzigen Tag fielen.) Um aber sicher zu stellen, dass man die Feste in der gesamten Diaspora zum korrekten Termin feierte, wurde ein zusätzlicher Tag eingeführt mit der Folge, dass Pessach nun acht Tage lang dauerte, Schawuot zwei Trage, Rosch ha-Schana zwei Tage und Sukkot acht Tage (Beza 4b). Diejenigen, die im Land Israel lebten, hielten sich nach wie vor an die Anzahl der Tage, die in der Bibel vorgeschrieben waren, mit Ausnahme von Rosch ha-Schana, denn da es auf den ersten Tag des Monats fiel war es selbst in Israel schwierig, den Termin überall rechtzeitig zu veröffentlichen.
In der Mitte des vierten Jahrhunderts der allgemeinen Zeitrechnung führten die Rabbinen auf der Grundlage mathematischer Berechnungen einen festen Kalender ein. Die monatliche Verkündigung des neuen Monats war nun nicht mehr nötig und verschwand. (Ein Rest dieses ursprüngliches Brauches hat sich jedoch in der Zeremonie der Ankündigung des kommenden Monats in der Synagoge am vorhergehenden Schabbat erhalten.) Doch die Beachtung eines zusätzlichen Tages zu allen Festen in der Diaspora und eines zweiten Tages für Rosch ha-Schana in Israel wurde beibehalten, denn man soll darauf achten, die Bräuche seiner Vorfahren zu bewahren" (Beza 4b). Progressive Synagogen ist die Tatsache wichtiger, dass der zusätzliche Tag aus Gründen eingeführt worden ist, die heute nicht mehr zutreffen. Da es keinen Zweifel über den genauen Termin der Feste gibt, ist es angemessen, wieder zu den ursprünglichen biblischen Angaben über die Anzahl von Festtagen zurückzukehren. Das heißt, Pessach wird sieben Tage lang gefeiert und Schawuot einen Tag lang. Sukkot feiert man sieben Tage lang, mit der Folge, dass Simchat Thora nun unmittelbar auf Sukkot am achten Tag folgt. Dies bedeutet, dass Simchat Thora einen Tag früher als in den orthodoxen Synagogen stattfindet, weil diese einen achten Tag Sukkot feiern und dort Simchat Thora am neunten Tag stattfindet. Dies ist das einzige Mal, dass progressive Gemeinden ein Fest an einem anderen Tag als orthodoxe Synagogen in der Diaspora feiern. Das progressive Judentum feiert Simchat Thora am selben Tag, an dem es auch in Israel gefeiert wird. Sowohl im Kalender des progressiven Judentums als auch in Israel fällt Simchat Thora daher mit Schemini Azeret zusammen. Einige progressive Synagogen beachten einen zweiten Tag für Rosch ha-Schana, um im Einklang mit der Praxis des modernen Israel zu stehen. Das bedeutet jedoch nicht, das sie den vollständigen Synagogengottesdienst für den zweiten Tag halten. Andere ziehen es vor, der Bibel zu folgen und feiern nur einen Tag.
Die Bibel erwähnt nur einen einzigen Fasttag, der regelmäßig von allen Juden beachtet werden soll, den Jom Kippur. Doch im jüdischen Kalender entstanden mit der Zeit verschiedene andere Fasttage, die entweder in Zusammenhang mit historischen Ereignissen oder mit religiösen Themen stehen. Der 10. Tewet erinnert an den Tag, als Nebukadnezar, der König von Babylon, mit der Belagerung Jerusalems begann, die schließlich zur Eroberung der Stadt und zum ersten Exil führte. Der 17. Tammuz bezieht sich auf den Tag, an dem die Babylonier die Mauer Jerusalems erfolgreich durchbrachen und der Fall der Stadt nicht mehr verhindert werden konnte, obwohl die Verteidiger noch drei weitere Wochen aushielten. Keiner dieser Fasttage wird in progressiven Synagogen beachtet, denn beide Ereignisse sind lediglich Abschattungen einer viel größeren Katastrophe, der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Daran erinnert Tischa be-Aw (der 9. Aw), der sich sowohl auf die erste als auch auf die zweite Zerstörung bezieht. Da in progressiven Synagogen Gottesdienste an Tischa be-Aw stattfinden, hält man es nicht für notwendig, zusätzliche Fasttage zu halten. Die Vereinigung Jerusalems im Jahr 1967 und die Ausdehnung der jüdischen Herrschaft über die ganze Stadt lieferte eine weitere Rechtfertigung für diese Entscheidung und führte dazu, dass die zusätzlichen Fasttage auch in einigen orthodoxen Gemeinden abgeschafft wurden.
Wenn progressive Juden über die Zerstörung des Tempels trauern, bedeutet dies nicht, dass sie seine Wiederherstellung herbeisehnen. Das progressive Judentum geht vielmehr davon aus, dass Tempel, Opferkult und Priestertum als Ausdrucksformen der Religion einer bestimmten Epoche betrachtet werden müssen und heute nicht mehr angebracht sind. Tischa be-Aw erinnert an das enorme Leid von Jüdinnen und Juden nach beiden Zerstörungen, an das Sterben von Menschen, an den Verlust der nationalen Autonomie und den Beginn eines Lebens im Exil. Der Fasttag gedenkt ebenso der Folgen, die die Zerstörung des zweiten Tempels sowohl für die jüdische Geschichte als auch für die Entwicklung der Religion hatte. Tischa be-Aw weckt die Erinnerung an andere schlimme Ereignisse in der jüdischen Geschichte, die am selben Tag geschahen, wie die Vertreibung der Juden aus England (1290) und aus Spanien (1492). Einige progressive Synagogen gedenken an diesem Tag der Opfer der Scho'ah und ergänzen die Tragödien der vergangenen Zeiten um die, die wir in diesem Jahrhundert erleben mussten.
Das Fasten Gedaljas am 3. Tischri erinnert an die Ermordung Gedaljas, eines jüdischen Aristokraten, der nach Nebukadnezars Eroberung zum Stadthalter über Judäa ernannt worden war. Seine gütige Herrschaft hatte dem entmutigen Volk wieder Hoffnung gegeben. Der benachbarte amoritische König befürchtete jedoch, Israel könnte ihm bedrohlich werden und veranlasste den Tod Gedaljas.
Das Fasten Esters am 13. Adar, dem Tag vor Purim, erinnert an das Fasten, das Ester auf sich nahm, bevor sie sich König Ahaschwerosch näherte und ihr Vorhaben in die Tat umsetzte, Haman zu Fall zu bringen. Beide Fasttage werden im Kalender des progressiven Judentums ausgelassen, denn sie haben verglichen mit Tischa be-Aw und Purim nur eine geringe Bedeutung.
Es gibt zwei "religiöse Fasttage", die nur bestimmte Personengruppen betreffen. Einen Tag vor Pessach sollen alle Erstgeborenen fasten und sich daran erinnern, dass die israelitischen Erstgeborenen gerettet wurden, als die ägyptischen Erstgeborenen getötet wurden. Es ist ein guter Gedanke, des Schicksals der ägyptischen Erstgeborenen zu gedenken, auf deren Kosten die Israeliten ihre Freiheit erlangten. Dies steht im Einklang mit der Legende, dass Gott die Engel zurechtwies, als sie sich über den Tod der Ägypter im Schilfmeer freuten, und sagte: "Auch sie sind das Werk meiner Hände" (Megilla 10b). Es ist daher nicht angemessen, das Fasten zu umgehen, wie es in orthodoxen Kreisen üblich ist, wo man an diesem Tag einen Sijjum stattfinden lässt, bei dem das Essen Pflicht ist und die Erinnerung auf diese Weise verdrängt wird. Ein anderes Fasten ist das von Braut und Bräutigam am Tag ihrer Hochzeit bis zur Hochzeitszeremonie. Dieses Fasten soll die Besonderheit des Anlasses betonen, Sühne für die Fehler der Vergangenheit bis zu diesem Augenblick leisten und den Beginn einer neuen Lebensphase markieren. In progressiven Synagogen ist die Beachtung dieser beiden Fasttage den einzelnen überlassen.
Es ist ebenfalls Tradition, in Zeiten des Unglücks oder der Gefahr zu fasten, zum Beispiel während einer Hungersnot oder wenn sich eine Gemeinde in Gefahr befindet. Dieser Brauch nimmt in der Moderne eine andere Gestalt an. Er findet nicht mehr als Gebet statt, sondern in Form von Protesten, zum Beispiel eine von Privatpersonen und Gemeinden unterstützte Fastenaktion, die die Aufmerksamkeit auf die Anliegen von Juden lenkt, die diskriminiert oder verfolgt werden, auf die Situation der Juden in der arabischen Welt oder auf andere Dinge.
Die Entscheidung, die kleineren Fasttage nicht beizubehalten hat zur Folge, dass das traditionelle Verbot, an diesen Tagen keine Hochzeiten stattfinden zu lassen, in progressiven Synagogen nicht gilt. Die Tatsache, dass das progressive Judentum solche Fasttage aufgegeben hat, soll einzelne Mitglieder jedoch nicht davon abhalten, sie für sich beizubehalten, wenn sie es für richtig erachten.