Pessach Geschichte und Bedeutung
Pessach fällt auf den 15. – 21. Nisan (März/April), der biblisch der erste Monat des Jahres ist. (Zu den verschiedenen Jahresanfängen im Judentum siehe unten, VII.10.) Ursprünglich war es ein Erntefest, an dem die judäischen Bauern zum Tempel nach Jerusalem pilgerten und ein Gersteopfer darbrachten. Dies diente zum Unterhalt des Tempels und seiner Angestellten sowie zur Unterstützung von Armen und Notleidenden. Da es ein Frühlingsfest war, erinnerte man zu dieser Zeit auch an jenen Frühling, in dem die Israeliten aus von der Versklavung in Ägypten befreit worden waren und opferte deshalb außerdem ein Pessach-Lamm im Tempel, eine Erinnerung an jenes Lamm, das die Israeliten kurz vor dem Auszug geopfert hatten. Ein Teil dieses Lammes wurde verbrannt, der Rest geröstet und am ersten Abend des Pessachfestes zusammen mit Bitterkraut und ungesäuertem Brot verzehrt. Dabei saß man gemütlich in den Familien zusammen und redete.
Die Zerstörung des Tempels und der Zerstreuung des jüdischen Volkes bewirkte eine Entfremdung vom landwirtschaftlichen Leben, von der Ernte sowie von allem, was mit dem Tempel in Zusammenhang stand. Zwangsläufig änderte sich der Schwerpunkt und die Feier des Festes. Juden versammelten sich in ihren Häusern und ganz selbstverständlich rückte die Botschaft von der Freiheit in den Mittelpunkt. Man erinnerte sich an die historische Versklavung in Ägypten und an die auf sie folgende Befreiung. Die Bedeutung dieser Geschichte für die zeitgenössische Situation und die Hoffnung, die daraus für eine zukünftige Befreiung genährt wurde, rückten nun zwangsläufig ins Zentrum - und dies prägt die Feier des Festes bis heute:
In jeder Generation soll jeder Mensch sich so betrachten, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen, denn es steht geschrieben: "Und du sollst deinem Kind an jenem Tag folgendes erzählen: Dies geschieht wegen der Taten, die der Ewige mir getan hat, als ich aus Ägypten ausgezogen bin." Nicht nur unsere Vorfahren hat Gott – Gottes Heiligkeit sei gepriesen! – erlöst, sondern mit ihnen erlöst Gott auch uns, denn es steht geschrieben: "Euch habe ich von dort herausgeführt, um euch in das Land zu bringen, das ich euren Vorfahren versprochen habe zu geben".
Das Fest lehrt uns, dass wir als Juden in vorderster Reihe mit denen kämpfen sollen, die sich der Tyrannei widersetzen, dass wir die Rechte aller Menschen verteidigen müssen, um die größtmögliche Freiheit unabhängig von "Rasse", Farbe, Nationalität oder Glaube zu gewährleisten. Wir müssen lernen, "den Fremden zu lieben, denn wir selbst waren Fremde im Land Ägypten". Das Fest regt an, danach zu streben, uns von jenen Versklavungen zu befreien, die das Denken und Fühlen des Menschen prägen: engherzige Frömmigkeit, Vorurteile, Neid, Gier und dergleichen.
Bräuche und Symbole
Es ist üblich, an Pessach nicht nur auf das Essen von Chametz (gesäuerten Produkten) zu verzichten, sondern auch alles Chametz aus der Wohnung zu entfernen (Exodus 12,19 [Bo]). Viele Haushalte bereiten sich darauf vor, indem sie ihre Chametz-Vorräte zu Ende gehen lassen, wenn das Fest naht. Die Wohnung wird vor dem Fest gründlich gereinigt. Alle noch ungeöffneten Chametz-Produkte können an eine örtliche soziale Einrichtung, an Altenheime oder andere Stellen gegeben werden. Man kauft besondere Kuchen, Kekse und andere Nahrungsmittel, die für das Fest geeignet sind. Es ist jedoch nicht nötig, dass Produkte, die ohnehin frei von Gesäuertem sind (wie Eier, Tee oder Zucker) ein besonderes Etikett ("koscher für Pessach") tragen. Solche Vorsichtsmaßnahmen sind übereifrig angesichts der Tatsache, dass derartige Lebensmittel überhaupt kein Getreide enthalten, das zu Gesäuertem werden könnte. Aufgrund der modernen Lebensmittelkontrollen ist es zudem äußerst unwahrscheinlich, dass Chametz unabsichtlich mit ihnen vermischt worden ist. Einige Haushalte haben ein besonderes Geschirr für Pessach. Andere benutzen das normale Geschirr, das in besonderer Art und Weise gereinigt wurde, um für das Fest zur Verfügung zu stehen.
Die vollständige Entfernung von Chametz kann zu Schwierigkeiten führen, zum Beispiel wenn man einen recht großen Vorrat hat oder es für berufliche Zwecke braucht. In diesen Fällen hält es das progressive Judentum nicht für nötig, das Chametz für die Zeit des Pessach-Festes an nichtjüdische Personen symbolisch zu verkaufen (Mechirat Chametz), wie es in der Orthodoxie Pflicht ist (Pessachim 2,1). Diese Sitte schafft eine fiktive Rechtslage, die unangemessen ist. Viele legen die gesäuerten Produkte des Hauses stattdessen in eine Kiste, die sie versiegeln und an einem Ort fern von den üblichen Abläufen des Haushalts aufzubewahren, zum Beispiel in der Garage, im Keller, auf dem Dachboden oder im Gartenhaus.
Am ersten und am letzten Tag des Festes werden die Festtagskerzen entzündet. In orthodoxen Kreisen wird der Seder zuhause am ersten und am zweiten Tag des Festes gefeiert (siehe Kap VII.12), im progressiven Judentum findet er am ersten Abend statt. Einige Gemeinden ermöglichen am ersten Abend die häusliche Feier und bieten am zweiten Abend einen Gemeindeseder an.
Der Seder ist eine Mischung aus Gottesdienst, Festessen, Symbolik, religiöser Geschichte, Tischliedern und anderem, die alle zu einer Einheit zusammengebunden sind. Die Familie und viele Freunde versammeln sich um den Tisch. Während des Essens stützt man sich auf die Stuhllehne – vermutlich eine alte römische Sitte, die die Freiheit äußerlich zum Ausdruck bringt. Auf dem Tisch sind unter anderem zwei Teller mit einigen symbolischen rituellen Dingen. Auf dem einen Teller liegen drei Mazzot ("ungesäuertes Brot"), die an die Eile erinnern, in der die Israeliten Ägypten verlassen mussten und keine Zeit hatten, das übliche gesäuerte Brot zu backen. Auf dem anderen Teller liegen: (a) ein gerösteter Knochen als Symbol für das Pessachlamm), (b) ein geröstetes Ei als Symbol für die Fruchtbarkeit des Frühlings oder als Erinnerung an ein bestimmtes Festopfer der Vergangenheit; (c) bittere Kräuter, zum Beispiel Meerrettich, als Symbol für die "bittere" Zeit der Israeliten in Ägypten; (d) Petersilie, die uns an die Natur und den Ursprung des Festes in der Erntezeit erinnert; (e) Salzwasser als Symbol für die Tränen der Sklaven oder für das Ertrinken der Ägypter im Schilfmeer; (f) Fruchtmus, ein braunes Mus aus Nüssen, Rosinen, Zimt, Wein und Äpfeln. Sein Aussehen erinnert an den Lehm, den die Israeliten beim Bau der Vorratshäuser für den Pharao als "Mörtel" verwendeten. Während des Abends werden von jedem vier Gläser Wein getrunken – entsprechend alten römischen Gebräuchen eines freien Menschen.
Der Seder wird mit einem besonderen Buch durchgeführt, das Haggada genannt wird (deutsch: "Erzählung"). Die progressive deutsche Ausgabe der Haggada enthält im Wesentlichen den traditionellen hebräischen Text. Sie spiegelt jedoch den Grundsatz des progressiven Judentums über die Gleichberechtigung der Geschlechter wider, indem sie davon ausgeht dass auch Frauen den Seder leiten können. Die deutsche Übersetzung folgt denselben Prinzipien wie die Übersetzung von Seder ha-Tefillot (siehe Kapitel IV.3): Sie benutzt eine inklusive Sprache und berücksichtigt die theologischen Positionen des progressiven Judentums. Zusätzlich zum traditionellen Text sind Kommentare abgedruckt, die den Sinn der einzelnen Handlungen erklären. Die Pessach Haggada gibt eine genaue Anleitung für die erforderlichen Symbole und den Ablauf des Abends. In der Praxis verkürzen viele progressive Haushalte die Rezitation des Textes. Der Text kann in Hebräisch oder in Deutsch von einem einzelnen, im Wechsel oder gemeinsam gesprochen oder gesungen werden.
Die Pessach-Haggada
In progressiven Synagogen entstand der Brauch, in der Synagoge – gewöhnlich am zweiten Abend von Pessach – einen Gemeindeseder zu feiern. Dieser Brauch wurde inzwischen auch von anderen Gemeinden aufgegriffen. Der Gemeindeseder soll niemanden von den häuslichen Sedarim abhalten; sie gelten als die beste Form, dieses Fest zu begehen. Der Gemeindeseder richtet sich vor allem an Menschen, die alleine leben und ansonsten kein festliches Mahl hätten sowie an diejenigen, die nicht wissen, wie sie den Seder durchführen sollen. Sie können vom Gemeindeseder lernen und in den nächsten Jahren ihren eigenen organisieren. Dieser Brauch hat sich schnell verbreitet und inzwischen bieten auch orthodoxe Synagogen einen Gemeindeseder an.
Vielen Juden ist der Beginn von Pessach durch den Sederabend besonders im Bewusstsein. Aber es ist wichtig, die gesamten sieben Tage zu feiern und während der ganzen Woche auf das Essen von Chametz zu verzichten. Dies betrifft nicht nur die häuslichen Mahlzeiten, sondern auch die bei der Arbeit, in der Schule und bei gesellschaftlichen Anlässen.
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