Geschichte und Bedeutung
Jom Kippur ist am 10. Tischri (Sept./Okt.). Ursprünglich war es nationaler Bußtag für Sünden. Der Hohe Priester bekannte seine eigenen Sünden, indem er die Hörner eines "Sündenbocks" hielt, die Sünden der Priesterschaft und die Sünden des ganzen Volkes (Levitikus 16 [Achare Mot] und Joma). Bis heute stehen Reue, die Bitten um Vergebung und Gottes Gnade im Mittelpunkt des Festes. "An diesem Tag wird euch Versöhnung geschaffen, damit ihr rein werdet. Von all euren Verfehlungen vor dem Ewigen werdet ihr rein sein" (Lev 16,30).
Seitdem der Tempel zerstört ist, kommt kein Hoher Priester, um unserem Volk zu dienen. Doch der heilige Auftrag geht weiter, auch wenn es sein Amt nicht mehr gibt. Jeder und jede von uns ist nun Priester und Priesterin in einem "Königreich von Priestern" (Ex 19,6). Wir bekennen unsere Schuld und bitten gleichzeitig um Gnade für sie. Obwohl wir sterblich und schwach sind, sind wir Mittler für eine Gnade und Herrlichkeit, die weit über unseren Verstand hinausgeht.
Gewöhnlich hält man vor dem Fest eine üppige Mahlzeit in der Familie und mit Gästen. Das Fest beginnt mit dem Entzünden der Festtagskerzen, doch es gibt keinen Kiddusch. Selbstverständlich sollte man sich von Arbeit enthalten und die Gottesdienste in der Synagoge besuchen. Der erste Gottesdienst am Abend wird nach dem Namen des ersten Gebets als Kol Nidre ("Alle Gelübde") bezeichnet, der letzte Gottesdienst heißt Neïla ("Verschließen"). Dieses ganztägige Fest ist in orthodoxen wie in progressiven Synagogen vollständig dem Gebet und dem Fasten gewidmet. Während des ganzen Tages finden Gottesdienste in der Synagoge statt. Ihr Hauptthema ist die Reue für die Sünden, verbunden mit dem Verlangen, die Abkehr von Gott wieder gutzumachen. Dies geschieht durch den ehrlichen Vorsatz, sein Verhalten zu ändern, und auf diese Weise wieder mehr im Einklang mit Gott zu leben. Der Versöhnungstag hat keine automatisch reinigende Wirkung. Man sollte die rabbinische Anweisung beachten: "Wenn du gegen deinen Nächsten gesündigt hast, gehe zuerst und bringe die Dinge mit ihm ins Reine. Andernfalls wird der Versöhnungstag dir keine Sühne schaffen" (Joma 8,9). Auch die Tatsache des Fastens hat nichts mit Sündenvergebung zu tun. Wenn wir fasten, hat dies folgende Gründe: Wir bringen selbst ein Opfer und opfern das, was uns am Leben erhält – Essen und Trinken. Dadurch wird uns bewusst, dass oft persönliche Opfer nötig sein werden, um in dem kommenden Jahr das Richtige zu tun. Das Fasten ist ein innerer Hinweis für uns, der zeigt, wie stark (oder schwach) unsere Selbstdisziplin ist. Entweder ermutigt uns dies, unsere Vorsätze umzusetzen, weil wir wissen, dass wir genügend Selbstdisziplin haben, dies zu schaffen. Oder wir sind gewarnt, dass unsere Selbstdisziplin zu schwach ist (wenn wir das Fasten brechen) und es deshalb diese größere geistige Übung nötig haben, um unsere Selbstdisziplin zu stärken – in der Hoffnung, dann unsere Vorsätze in die Praxis umsetzen zu können. Wir schieben während dieses Tages alle materiellen Begierden zur Seite und sind dadurch fähig, uns ganz auf den spirituellen Aspekt des Lebens zu konzentrieren.
In der traditionellen Kapparot-Zeremonie (kapparot = "Sühne") schwingt man einen lebendigen Hahn dreimal um den Kopf und bittet dabei darum, alle Bestrafungen für Sünden mögen nicht die betreffende Person, sondern diesen Vogel treffen. Er wird dann getötet und den Armen gegeben. Diese Zeremonie wurde in progressiven Synagogen nie durchgeführt. Sie gilt als primitives Ritual des Volksglaubens. Andererseits sind die Aspekte, den Armen zu geben und Arme und Einsame zum Fastenbrechen zu sich einzuladen es wert, aufrechterhalten zu werden. Der Brauch, keine Lederschuhe zu tragen, ist nicht verpflichtend und bleibt der Entscheidung jedes Einzelnen überlassen. Rabbiner tragen eine weiße Robe. Dies erinnert unter anderem an die orthodoxe Sitte, das Totenhemd (Kittel ) während des Gottesdienstes zu tragen, denn unser Leben ist kurz und unsere Schuld ist groß.
In einigen progressiven Gemeinden entwickelte sich die Tradition, das Fastenbrechen unmittelbar nach dem Ausgang des Jom Kippur innerhalb der Gemeinde zu feiern. Durch das gemeinsame Essen und miteinander Reden wird die Gemeinschaft gefördert, nachdem so viele Stunden des Gebets miteinander verbracht worden sind, vor allem, da an diesem Tag viele anwesend sind, die sonst nicht am Gemeindeleben teilnehmen. Außerdem ist es eine Stärkung für diejenigen, die nun längere Heimreisen haben.
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