Die Scho'ah war eines der schrecklichsten Ereignisse in der jüdischen Geschichte. Sechs Millionen jüdische Menschen wurden ermordet, ein Drittel der gesamten damaligen jüdischen Bevölkerung. Der Schock über die immens große Anzahl der Toten und die Vernichtung vollständiger Gemeinden wird noch größer, wenn man an die Art und Weise denkt, in der dies geschah. Die Namen der Vernichtungslager wie Auschwitz, Sobibor und Treblinka haben sich in das jüdische Bewusstsein eingegraben und erinnern an eine Zeit, in der Wahnsinn und Unmenschlichkeit regierten. Die Tatsache, dass jeder dritte jüdische Mensch auf der Welt getötet wurde, nur weil er jüdisch war, bleibt unbegreiflich. Selbst heute, sechzig Jahre später, ist es schwer, die Scho'ah auch nur annähernd fassen zu können. Das Ausmaß der Tragödie macht es erforderlich, dass man sich daran erinnert und dass diese Erinnerung einen Ort innerhalb des jüdischen Kalenders bekommt.
Es gibt keinen einheitlichen Zeitpunkt, an dem in progressiven Synagogen der Opfer der Scho'ah gedacht wird. Zwei unterschiedliche Termine bieten sich dazu an. Viele Synagogen halten das Gedenken an die Scho'ah an Tischa be-Aw, denn
(a) auch dies ist Churban ("Zerstörung") und steht neben den anderen vernichtenden Ereignissen, der ersten und der zweiten Zerstörung Jerusalems.
(b) Tischa be-Aw wurde ein Termin für schreckliche Ereignisse in der jüdischen Geschichte, zu denen die Scho'ah gehört.
(c) Der Eindruck, den die Scho'ah hinterlässt, prägt unsere Generation wie der Eindruck früherer Tragödien die Generationen, die sie erlebten.
(d) Tischa Be-Aw bekommt auf diese Weise eine Bedeutung für unsere Zeit, die dem Tag sonst fehlen würde.
Andere Synagogen ziehen einen anderen Termin vor, zum einen, weil Tischa be-Aw in eine Zeit fällt, in der viele in Urlaub sind, zum anderen, weil die Scho'ah ein so einzigartiges Ereignis ist, dass man es für nötig hält, einen besonderen Gedenktag festzulegen. Deshalb halten viele einen Gedenkgottesdienst am Jom ha-Scho’ah, der 1951 durch die Knesset als israelischer Gedenktag an die Scho'ah festgelegt wurde. Er fällt auf den 27. Nisan, denn in dieser Zeit wurde der Aufstand im Warschauer Getto beendet (angefangen hatte er am ersten Tag von Pessach). Außerdem liegt dieser Termin innerhalb der traditionellen Trauerperiode der Omerzeit. Das Gedenken am Jom ha-Scho'ah stattfinden zu lassen hat den Vorteil, dass dies im Einklang mit der heutigen Praxis in Israel steht, obwohl einige einwenden, die Identifikation der Scho'ah mit dem Widerstand im Warschauer Getto spiegele nicht die allgemeine Situation der Opfer, die ermordet wurden, bevor sie wahrnehmen konnten, was geschah oder sich hätten wehren können. In Deutschland und Österreich ist auch der 9. November ein wichtiges Datum, der Jahrestag des Novemberpogroms, das von den Nationalsozialisten beschönigend "Reichskristallnacht" genannt wurde. Vielerorts wird an diesem Tag an die Gräueltaten während der nationalsozialistischen Herrschaft gedacht. Die deutsche Bundesregierung machte vor einigen Jahren den 27. Januar, den Tag der Befreiung von Auschwitz, zum offiziellen politischen Gedenktag.
Es steht den einzelnen Gemeinden frei, zu entscheiden, an welchem Termin sie das Gedenken stattfinden lassen wollen. Die Gottesdienste beginnen in der Regel damit, dass eine Gedächtniskerze angezündet wird. Verbreitet ist die Sitte, sechs Kerzen anzuzünden, für die sechs Millionen jüdischen Menschen, die starben. In diesem Gottesdienst wird in der Regel ein Text gelesen, der sich auf die Scho'ah und die Erfahrungen derer, die sie erlebt haben, bezieht. Man spricht ein Gebet, dass speziell für diesen Anlass verfasst wurde:
Wir gedenken der sechs Millionen Toten und aller, die starben, als Wahnsinn die Welt regierte und das Böse in der Welt wohnte. Wir gedenken derer, die wir gekannt haben und derer, von denen selbst der Name verloren ist.
Wir trauern um alle, die mit ihnen starben, um ihre Güte und um ihre Weisheit, die die Welt hätten retten und so viele Wunden hätten heilen können. Wir trauern um den Geist und den Humor, der starb, um das Lernen und das Lachen, das für immer verloren ist. Die Welt ist ärmer geworden, und unsere Herzen werden kalt, wenn wir an die großen Dinge denken, die hätten sein können.
Wir sind dankbar für ihr Beispiel an Anstand und Güte. Wie Kerzen leuchten sie aus der Dunkelheit jener Jahre heraus, und in ihrem Licht erkennen wir, was gut ist – und was böse.
Wir gedenken jener nichtjüdischen Männer und Frauen, die den Mut hatten, außerhalb der Masse zu stehen und mit uns zu leiden. Auch sie sind deine Zeuginnen und Zeugen, eine Quelle der Hoffnung, wenn wir zu verzweifeln drohen.
Um des Leids unseres Volkes willen möge eine solche Zeit nie wieder kommen. Möge ihr Opfer nicht umsonst gewesen sein. In unserem täglichem Kampf gegen Grausamkeit und Vorurteile, gegen Tyrannei und Verfolgung gibt uns die Erinnerung an sie Kraft und leitet uns.
In der Stille gedenken wir derer, die Gottes Namen auf der Erde geheiligt haben.
In vielen Gemeinden werden in diesem Gottesdienst die Namen der Familienangehörigen genannt, die durch die Scho'ah starben. Viele Rabbiner lassen das Gebet zum Gedenken auf die Worte enden: "Wir sagen Kaddisch für alle, die durch die Scho'ah aufgrund ihres Judentums starben, für die, die wir kannten und für die, die wir nicht kannten, für die es niemanden mehr gibt, der das Kaddisch für sie sprechen könnte." Als entsprechende Form häuslichen Gedenkens legen wir nahe, an diesem Tag zuhause eine Jahrzeit-Kerze zu entzünden.
Die Erinnerung an die jüdischen Gemeinden, die durch die Scho'ah vernichtet wurden, wird auch durch das Gebetbuch für Schabbat, Wochentage und Pilgerfeste lebendig erhalten. Die meisten der dort abgebildeten Synagogen wurden in der "Reichskristallnacht" oder später zerstört. Ebenso gibt es im Gebetbuch für die Hohen Feiertage viele Abschnitte, die sich auf die Scho'ah beziehen, vor allem in dem Abschnitt über die Märtyrer im Mussaf-Gottesdienst für Jom Kippur. So sind die Seiten der Gebetbücher ständige Erinnerungen an diejenigen, die in dieser schrecklichen Zeit ermordet wurden.