Geschichte und Bedeutung
Chanukka und Purim gehören zu den sogenannten kleineren Festen, die eine geringere Bedeutung haben als die eben dargestellten Hauptfeste. Der praktische Unterschied ist, dass man an ihnen keine Festtagskerzen entzündet und keinen Kiddusch zuhause macht. Außerdem enthält man sich der Arbeit nicht oder besucht besondere Gottesdienste in der Synagoge. Orthodoxe Juden beachten mehrere kleinere Feste, progressive Juden konzentrieren sich vor allem auf zwei: Chanukka und Purim.
Chanukka beginnt am 25. Kislew und dauert – sowohl in der Orthodoxie als auch im progressiven Judentum – acht Tage. Es geht auf den siegreichen Aufstand der Makkabäer gegen den syrischen König Antiochus zurück. Die vollständige Geschichte findet sich in den Makkabäerbüchern. Diese Bücher gehören zu denjenigen Schriften, die im ersten Jahrhundert v.d.Z. entstanden, aber später nicht in den pharisäischen Schriftenkanon aufgenommen worden sind.
Das Fest erinnert (a) an die Wiedereinweihung des Tempels im Jahr 165 v.d.Z., nachdem er von den Syrern zurückerobert, gereinigt und für den normalen Gottesdienst wieder hergestellt worden war; (b) an den Sieg der "wenigen" über die "vielen", der allen Minderheiten Mut gibt, ihren Prinzipien treu zu bleiben – am Ende wird das "Richtige" triumphieren; (c) den selbstlosen Kampf jener Makkabäer und ihrer Nachfolger, die das Überleben des Monotheismus im Allgemeinen und des Judentums im Besonderen sicherten.
Abgesehen von Chanukkafeiern (vor allem für Kinder) und Geschenken wird während der acht Abende dieses Festes zuhause ein besonderer Kerzenleuchter benutzt, der Chanukkia genannt wird. Seit dem 19. Jahrhundert ist die Form eines achtarmigen Leuchters verbreitet. Älter ist die Form eines Bänkchens mit acht Öllämpchen oder heute acht Kerzenhaltern. Man braucht keine besondere Chanukkia, um die Mitzwa zu erfüllen – es würden acht in einer Reihe aufgestellte Kerzen reichen – doch eine schöne Chanukkia erhöht natürlich die Freude des Festes. Zusätzlich gibt es ein neuntes Licht, den sog. Schamasch ("Diener"), der benutzt wird, um die anderen Lichter anzuzünden. Am ersten Abend wird die erste Kerze in den rechten Kerzenhalter gesteckt und von der Schamasch-Kerze entzündet, am zweiten Abend lässt man (abgesehen vom Schamasch) zwei Kerzen brennen, am dritten Tag drei und so weiter. Jeden Tag wird eine Kerze hinzugefügt bis am letzten Abend alle acht Kerzen (und der Schamasch) brennen. Die Kerzen werden jeweils von rechts nach links aufgesteckt, doch von links nach rechts entzündet.
Die Legende versucht, diese Zeremonie zu erklären und erzählt, dies erinnere an das "Wunder", dass man die Menora, den Leuchter im Tempel, mit einem kleinen Krüglein Öl, das gewöhnlich für einen Tag gereicht hätte, acht Tage lang entzünden konnte. Der tatsächliche Ursprung dieses Brauches hängt jedoch vermutlich mit den heidnischen Wintersonnenwenden-Festen zusammen, die etwa zur gleichen Zeit stattfanden.
Heute benutzt man den Brauch der Chanukkia als eine Art visuelle Hilfe um Lehren zu unterstützen wie zum Beispiel die folgenden: Unser Glaube sollte von kleinen Anfängen wachsen bis er in seinem vollen Glanz erstrahlt. Die Kraft unserer religiösen Botschaft ist wie das Licht der Chanukkia viel stärker, wenn wir zusammen vereint sind, wenn es keine Streitigkeiten und Fernbleibende mehr gibt. Wie die "Diener"-Kerze allen anderen Kerzen das Licht bringt, so sollte ein guter Jude ("Gottes Knecht") das Licht Gottes zu allen Völkern der Welt bringen.
Die häusliche Zeremonie für das Anzünden der Lichter findet sich in Seder ha-Tefillot Band I, S. 198f. In der Amida und in Birkat ha-Mason wird das Gebet al ha nissim eingefügt. Seder ha-Tefillot bietet darüber hinaus ein modernes Gebet, das eine der möglichen heutigen Bedeutungen von Chanukka zum Ausdruck bringt:
Gott, du Schöpfer und Herrscher aller Dinge, auf dein Wort hin entsteht Licht aus der Dunkelheit und Ordnung aus dem Chaos. In deiner Weisheit hast du uns die Kraft gegeben, gegen Unwahrheit und Unterdrückung zu kämpfen und durch diesen Kampf Freiheit und Wahrheit zu gewinnen.
Du hast Israel zum Verfechter der Gerechtigkeit und zum Wächter über deine Lehre berufen. Heute erinnern wir uns in Freude und Dankbarkeit an den Mut der Makkabäer und an ihren Sieg über die Tyrannei. Deine Dienerinnen und Diener bewahrten dein Haus vor der Zerstörung und deine Thora vor der Schändung. Sie weihten den Tempel in Jerusalem wieder neu und zeigten dadurch vor der ganzen Menschheit, dass ihr Glaube an dich den letzten Sieg davongetragen hatte. Mit Ehrerbietung rufen wir uns ihre Treue ins Gedächtnis und danken dir für die Wunder, die du durch sie für uns getan hast. Mögen ihr Beispiel und ihr Opfer in der vor uns liegenden Zeit niemals in Vergessenheit geraten.
Während die Chanukka-Lichter ihren Schein in unseren Häusern verbreiten, mögen sie in uns selbst die Flamme der Treue entzünden. Mögen sie uns helfen, uns tapferer für Gerechtigkeit und Wahrheit einzusetzen, und mögen sie uns hinführen zu dir, dem immerwährenden Licht.