Hochzeit (Chuppa)

Die Hochzeit

Einige Zeit vor der Hochzeit wird sich der progressive Rabbiner mit dem Paar treffen, um rechtzeitig vorher alles zu besprechen. Der Rabbiner wird das Paar nach Unterlagen über seine jüdische Identität fragen, damit die Anforderungen des jüdischen Rechts erfüllt werden. Die einfachste Art und Weise, den jüdischen Status nachzuweisen, ist die Vorlage der Ketuba der jeweiligen Eltern (bzw. einer Urkunde von einem Bet Din bei denen, die nicht von Geburt an jüdisch sind oder adoptiert wurden). Wenn es nicht möglich ist, dies zu bekommen, gilt oft die Mitgliedschaft in einer Synagoge oder eine mündliche, eidesstattliche Erklärung von anderen als ausreichend. Wenn eine der Parteien geschieden ist und der frühere Partner jüdisch war, muss die betreffende Person, wenn es nicht bereits geschehen ist, einen Get erwerben (eine jüdische Urkunde über die Scheidung) (siehe Kapitel IX.4)

Eine Chaliza – die Verpflichtung eines Mannes, die kinderlose Witwe eines Bruders freizugeben, damit sie erneut heiraten kann, wird nicht verlangt. Dieser Brauch entstand aufgrund von Deuteronomium 25,5-9 [Ki Teze] und der Notwendigkeit, eine Frau ohne Mann und Kinder in einer Gesellschaft zu schützen, in der Frauen schutzlos waren und ihr Unterhalt im Allgemeinen von Männern abhing. Dies hat seit langem seine Bedeutung verloren. Außerdem wurde es gelegentlich mit verheerenden Folgen missbraucht, denn auf diese Weise konnte ein Schwager aus boshaften oder wirtschaftlichen Gründen eine Witwe daran hindern, sich wieder zu verheiraten.

Zahlreiche Bestimmungen über verbotene Verbindungen oder die Begrenzung der Zahl der Heiraten, die in orthodoxen Synagogen nach wie vor beachtet werden, gelten im progressiven Judentum nicht mehr. Hier darf ein Kohen eine Geschiedene oder eine Frau, die nicht von Geburt an jüdisch ist, heiraten. Ein Mamser darf jede andere jüdische Person heiraten (siehe Kapitel IX.6 u.7). Das Verbot, dass jemand seine Geliebte oder seinen Liebhaber heiratet, wurde dahingehend geändert, dass man ihre Heirat erlaubt, wenn die eheliche Beziehung bereits vor dem Zeitpunkt des Ehebruchs zerbrochen war. Man ist dabei der Auffassung, dass die betreffende Person nicht gehindert werden sollte, den Geliebten oder die Geliebte zu heiraten, wenn der Ehebruch rein formal ist, wenn also jemand zwar noch rechtlich verheiratet ist, aber bereits getrennt von seinem Ehepartner lebt und die Scheidung bereits in die Wege geleitet ist. Aufgrund der Vielschichtigkeit der Fälle muss der Rabbiner jedoch jeden Einzelfall gesondert entscheiden. Die Wartezeit von 91 Tagen, die orthodoxe Synagogen von einer geschiedenen Frau verlangen, die erneut heiraten will, ist in progressiven Gemeinden nicht erforderlich. Der ursprüngliche Grund dieses Brauches – die Schwierigkeit, die Vaterschaft eines Kindes zu bestimmen, das sechs Monate nach der Wiederverheiratung geboren wird – hat sich heute überlebt. Hochzeiten finden nicht am Schabbat, an Festtagen (mit Ausnahme von Chanukka und Purim) und am 9. Aw statt. Darüber hinaus sind sie in progressiven Synagogen jedoch zu allen anderen Zeiten erlaubt, einschließlich einiger früherer Fasttage (siehe Kapitel VII.13) und der Omerzeit, denn die Bedeutung einer Heirat übertrifft die unerfreulichen historischen Erinnerungen, die sich mit diesen Tagen im ersten und zweiten Jahrhundert verbunden hatten. Frauen müssen vor der Heirat nicht die Mikwe aufsuchen, dennoch ist es möglich für die, die es möchten (siehe V.3). Im Unterschied zu vielen orthodoxen Synagogen ist der Menstruationszyklus der Braut kein Kriterium für die Festlegung des Hochzeitstermins.

Viele Rabbiner werden mit dem Paar über dessen Beziehung und das Verhältnis zu beiden Familien reden. Sie versuchen herauszufinden, ob es Probleme gibt, die vor der Heirat besprochen werden sollten, sei es mit dem Rabbiner oder in einer Eheberatung. Sie werden ebenso die Verpflichtungen und die Verantwortung zur Sprache bringen, die eine Heirat mit sich bringen wird und die Bedeutung dieses Schritts herausstellen, selbst wenn das Paar vorher schon zusammen gelebt hat. Die meisten Paare verwenden sehr viel Energie für die Planung und Vorbereitung der Hochzeit, ein Ereignis, das nur wenige Stunden dauert. Es ist jedoch wichtiger, mindestens dieselbe Energie und Vorbereitung für die Ehe selbst aufzuwenden, um sicherzustellen, dass sie lange dauert und gelingen wird. Es gibt keine Garantie für das Gelingen, aber einige Elemente sind äußerst wichtig: das Paar sollte sich gegenseitig sehr gut kennen. Jeder sollte um die Erwartungen des anderen wissen. Beide sollten fähig sein, Probleme, die zwischen ihnen entstehen, auf vernünftige Art und Weise miteinander lösen zu können. Sie sollten sich über die wichtigsten Fragen, die sich ihnen stellen werden (finanzielle Abmachungen oder die Frage nach Kindern und deren Erziehung) bereits vorher unterhalten und geeinigt haben. Sie sollten sich verpflichtet fühlen, das Ehegelöbnis zu halten, die eheliche Treue sollte ihnen etwas Heiliges sein. Ihre beiden Familien sollten harmonisch miteinander bekannt gemacht worden sein und wenn möglich in einem freundschaftlichen Verhältnis zueinander stehen. Hinzu kommt, dass der Rabbiner prüfen wird, ob das Paar fähig ist, einen eigenen Haushalt zu führen und eine jüdische Familie zu gründen und sie werden über die Mittel und Wege sprechen, wie dies zu verwirklichen ist. Falls einer oder beide Partner kein jüdisches Wissen haben, wird ihnen nahegelegt, vor der Hochzeit einen Kurs für Erwachsene über das Judentum zu besuchen.

Über den Ort der Trauung entscheidet der Rabbiner in Absprache mit dem Paar. Es ist allgemein üblich, die Zeremonie in der Synagoge stattfinden zu lassen, um den religiösen Aspekt des Anlasses zu betonen. Wenn die Hochzeitszeremonie in einem Hotel oder einem Festsaal stattfindet, besteht die Gefahr, dass die Hochzeit kommerzialisiert wird und die zentrale Bedeutung der Synagoge im jüdischen Leben in den Hintergrund rückt. Als Alternative bietet sich an, zu dem Brauch zurückzukehren, Hochzeiten unter freiem Himmel zu feiern. Sie könnte auch im Haus oder Garten des Paares stattfinden.

Die Zeremonie selbst gründet sich auf einer Form, die sich im Lauf der Jahrhunderte entwickelt hat. Das Paar steht unter einer Chuppa. Zu Beginn werden einige Psalmen gebetet, die gewöhnlich vom Kantor oder einem Chor gesungen werden; man sagt die Lobsprüche über den Wein und über die Chuppa; es folgt die traditionelle Form des Ehegelübdes; man rezitiert die Schewa Berachot (die sieben Lobsprüche am Ende der Zeremonie); ein Glas wird mit dem Fuß zertreten. Anschließend wünscht die Gemeinde dem Paar Masal Tow.

Bei Hochzeiten in progressiven Synagogen gibt es einige zusätzliche Elemente. Die Gleichberechtigung der Frau wird berücksichtigt, so dass auch sie eine aktive Rolle bei der Trauung einnimmt. Nachdem der Bräutigam ihr den Ring gegeben hat und die traditionelle Gelöbnisformel gesprochen hat, hat auch die Frau die Möglichkeit, ihm einen Ring zu geben. Sie spricht das entsprechende Gelöbnis und sagt in Hebräisch: „Durch diesen Ring bist du mir anvertraut nach dem Gesetz Moses und Israels“. Da es in Deutschland allgemein üblich ist, dass die Frau ihren Ehering am dritten Finger der rechten Hand trägt, wird der Ring während der Zeremonie an diesen Finger gesteckt. Dies erscheint angemessener als die Sitte, den Ring an den Zeigefinger zu stecken und ihn erst nach der Hochzeit umzustecken, wie es in anderen Synagogen geschieht, um Respekt früheren Traditionen gegenüber walten zu lassen.

Ein weiterer Unterschied zur Orthodoxie besteht im Text der verwendeten Ketuba. Er ist in Hebräisch, nicht in Aramäisch geschrieben und lässt die traditionellen Hinweise auf finanzielle Abmachungen über die Mitgift und die Vereinbarungen im Falle einer Scheidung aus. Dies war früher einmal von großer Bedeutung, hat aber heute keinen rechtsgültigen Wert mehr. Stattdessen betont die Heiratsurkunde das Wesen der nun beginnenden Beziehung, „ein Bund der Liebe und Partnerschaft, des Friedens und der Freundschaft“. Ebenso betont sie die gegenseitige Verpflichtung der Brautleute, einander zu lieben, zu achten und zu unterstützen. Die progressive Ketuba ist nicht allein auf den Mann bezogen, sondern behandelt beide als gleichberechtigte Partner mit gemeinsamer Verantwortung. In vielen Synagogen ist es üblich, sie während der Zeremonie zu unterschreiben, – im Unterschied zum orthodoxen Brauch, wo dies unmittelbar vorher geschieht. Darüber hinaus unterzeichnen sowohl Braut als auch Bräutigam das Dokument, anders als in der Orthodoxie, in der nur der Mann dazu verpflichtet ist. In orthodoxen Synagogen dürfen die Zeugen für die Ketuba nur Männer sein, in progressiven Gemeinden treten Frauen selbstverständlich als gleichberechtigte Zeuginnen auf. Nach der Unterschrift ist das Paar nicht verpflichtet, den Jichud zu vollziehen (die Zeit, die es für sich alleine verbringt). Ursprünglich war dies der Moment, in dem die Ehe tatsächlich vollzogen wurde. Stattdessen können sie ihren Familien und Gästen Gesellschaft leisten. Andererseits kann es an einem so ereignisreichen Tag auch gut sein, wenn das Paar einige Minuten für sich alleine verbringt.

Vieles in der Hochzeitszeremonie ist Brauch, nicht Gesetz. Viele progressive Rabbiner werden darauf hinweisen und erklären, dass bestimmte Traditionen verändert werden können, um den Vorstellungen des Paares zu entsprechen und die Hochzeit so persönlich wie möglich zu gestalten. Während zum Beispiel üblicherweise die Braut erst dann unter die Chuppa tritt, wenn alle anderen anwesend sind, ist es auch möglich, dass Braut und Bräutigam zu Beginn des Gottesdienstes gemeinsam darunter stehen oder gemeinsam dort hingehen. Wenn die Braut unabhängig vom Bräutigam unter die Chuppa tritt, gibt es verschiedene Möglichkeiten, wer sie begleiten kann: die beiden Mütter (eine alte jüdische Tradition) oder ihr Vater oder sonst jemand, der ihr besonders vertraut ist. Selten wird die Zeremonie des Bedecken durchgeführt, in der der Bräutigam vor Beginn der Zeremonie die Identität der Braut prüft, um Jakobs Fehler zu vermeiden, der die falsche Braut heiratete (Genesis 29,20-26 [Wajeze]). Abgesehen von arrangierten Hochzeiten, bei denen sich das Paar kaum kennt, ist solch eine Vorsichtsmaßnahme heute nicht nötig. Die meisten Paare ziehen es vor, sich an ihrem Hochzeitstag unter der Chuppa zu treffen. Wo ein Bedecken stattfindet, ist es oft eine gegenseitige Identifikation und der Rabbiner fragt sowohl die Braut als auch den Bräutigam, ob der bzw. die andere wirklich die Person ist, die er heiraten möchte.

Familienmitglieder und Freunde können in die Zeremonie einbezogen werden. Dies spiegelt einen alten jüdischen Brauch wider, dass Braut und Bräutigam von Freunden begleitet werden, während sie zur Chuppa gehen. Es ist möglich, statt der üblichen Form der Chuppa einen auf vier freistehenden Masten befestigten Baldachin zu benutzen. Die Chuppa kann auch ein großer Tallit sein, der an vier Pfosten gebunden ist und von vier Freunden oder Mitgliedern der Gemeinde gehalten wird. Anstelle des Kantors oder Chores können sieben Verwandte oder Freunde des Paares die Schewa Berachot singen oder sprechen. Instrumentalmusik kann ein wichtiger Bestandteil der Zeremonie sein. Einige Synagogen bieten eine Anzahl traditioneller Melodien für den Einzug und Auszug des Paares an, andere Synagogen lassen dem betreffenden Paar die Wahl.

Eine weitere Möglichkeit, die Trauzeremonie so persönlich wie möglich zu gestalten, wäre, dass für den Wein, der getrunken wird, nicht der Kiddusch-Becher der Synagoge benutzt wird, sondern der des Paares (oder einer seiner Familien). Da man häufig wieder zu der Tradition zurückkehrt, eine illustrierte Ketuba zu benutzen, könnten Paare mit künstlerischen Fähigkeiten (oder mit künstlerisch begabten Freunden) ihre eigene selbst entwerfen. Es gibt keine Bestimmungen über die Hochzeitsbekleidung, außer dass Braut und Bräutigam schicklich gekleidet sein sollen. Der Rabbiner wird eventuell auf verschiedene Traditionen hinweisen, zum Beispiel auf den Schleier für die Braut oder den Kittel (ein weißes Gewand) für den Mann, doch die Entscheidung liegt vollkommen bei dem Paar selbst. Der Bräutigam muss keinen Tallit unter der Chuppa tragen, es spricht aber auch nichts dagegen, dass er es tut.

Die Anerkennung von Hochzeiten in progressiven Synagogen
Hochzeiten in progressiven Synagogen erfüllen alle traditionellen Bedingungen für eine jüdische Heirat: Ringwechsel, Ehegelöbnis und die Unterzeichnung der Ketuba vor zwei jüdischen Zeugen (Kidduschin 5b.9a). Sie werden daher weltweit von allen nicht-orthodoxen Synagogen anerkannt.

In orthodoxen Kreisen wird die Gültigkeit von Hochzeiten in progressiven Synagogen gelegentlich in Frage gestellt. Dies beruht jedoch weitgehend auf Unwissenheit oder dem bewussten Versuch, andere irrezuleiten. Letztlich sind alle progressiven Hochzeiten nach der Mehrheit der orthodoxen Interpretationen des jüdischen Gesetzes gültig. Die einzige Ausnahme bilden Hochzeiten, bei denen eine Person beteiligt ist, die konvertiert oder geschieden ist. Die Kinder einer Ehe, deren Hochzeit in einer progressiven Synagoge stattfand, gelten aus orthodoxer Sicht als halachisch jüdisch und könnten, wenn sie dies wollten, in einer orthodoxen Synagoge heiraten. Orthodoxe Synagogen verlangen von einer geschiedenen Person, die ursprünglich in einer progressiven Synagoge geheiratet hatte und nun in einer orthodoxen Synagoge wieder heiraten möchte, in der Regel einen Get , bevor die zweite Heirat stattfinden kann. Auch dies ist ein Hinweis auf die Gültigkeit einer Hochzeit, die in einer progressiven Synagoge stattfand.

Der Grund für diese Anerkennung ist, dass der Ort der Hochzeit (eine orthodoxe oder eine progressive Synagoge) und der Status des Amtsträgers (ein orthodoxer Rabbiner oder eine progressive Rabbinerin bzw. ein progressiver Rabbiner oder gar ein Laie) nicht von Bedeutung sind. Die wichtigen Elemente sind, dass ein jüdischer Mann und eine jüdische Frau, die beide frei von anderen ehelichen Verpflichtungen sind, eine formale Erklärung über ihre jüdische Heirat abgeben und in Gegenwart zweier Zeugen einen wertvollen Gegenstand austauschen (heutzutage ein Ring). Werden diese Bedingungen erfüllt, unter welchen Vorzeichen auch immer, ist die Heirat aus jüdischer Sicht gültig. Die Kinder dieser Ehe gelten als halachisch jüdisch und legitim.

Die von der Orthodoxie nicht anerkannten Eheschließungen sind all diejenigen, bei denen der Status eines der Partner auf die Entscheidung eines nicht-orthodoxen Bet Din zurückzuführen ist. Dies liegt daran, dass die Orthodoxie die Autorität der progressiven Rabbiner nicht anerkennt und daher ein so zusammengesetztes Bet Din und seine Entscheidungen als nicht gültig ansieht (vgl. Kapitel IX.5). Diese Fälle beziehen sich auf diejenigen, die konvertiert sind, adoptiert wurden oder einen Get durch ein progressives Bet Din erhalten haben. Aus orthodoxer Sicht sind solche Personen nicht zu einer jüdischen Heirat berechtigt und deshalb gilt jede Zeremonie, die stattfindet, als nichtig. Aus der Sicht des weltweiten progressiven Judentums gibt es jedoch keine Hinderungsgründe für diese Hochzeiten und sie sind gültig. Es sei darauf hingewiesen, dass die Personen, deren Hochzeit von orthodoxen Instanzen nicht anerkannt werden könnte, bzw. deren Kinder im orthodoxen Religionsunterricht nicht zugelassen werden würden, vor der Hochzeit in einer progressiven Synagoge über diese Tatsache informiert werden, um keinen falschen Eindruck zu erhalten. Dies mag einige der betroffenen Personen enttäuschen, doch es gibt so viele progressive Gemeinden auf der Welt, dass sie in der Regel eine Synagoge finden werden, in der sie willkommen sind.

Bei der großen Mehrheit der Fälle entstehen also keine Probleme für ein Paar oder seine Kinder, wenn sie in einer progressiven Synagoge heiraten. Darüber hinaus möchten viele Menschen in einer Synagoge heiraten, deren Grundsätze und Praktiken ihren eigenen religiösen Gefühlen entsprechen und die im Einklang mit der Form des Judentums steht, das sie in ihrer Familie leben werden.

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