Homosexualität

Die Bibel hat eine unerbittlich negative Einstellung zur Homosexualität: „Mit einem Mann sollst du nicht so zusammen liegen wie mit einer Frau. Dies ist ein Gräuel“ (Levitikus 18,22 [Achare Mot]). Diese Verurteilung wird in Levitikus 20,13 [Kedoschim] sogar noch schärfer formuliert. Dort wird allen, die es tun, die Todesstrafe angedroht. Lesbische Beziehungen werden in der Bibel nicht erwähnt, doch sie erscheinen zum ersten Mal im Talmud (Schabbat 65a; Jewamot 76a). Obwohl auch diese Beziehungen verurteilt werden, fällt auf, dass sie nicht mit Strafen verbunden sind und die Abneigung gegen lesbische Beziehungen schwächer ist. Möglicherweise liegt dies daran, dass der körperliche Akt weniger deutlich ist und dabei kein Same vergossen wird. Diese negative Einstellung über schwule und lesbische Beziehungen bildete die klassische Position des Judentums zu diesem Thema, die bis in die letzten Jahrzehnte unhinterfragt geblieben ist. Sie wird von der Orthodoxie bis heute vertreten, die die Homosexualität als eine Perversion betrachtet. In progressiven Synagogen gibt es die Bereitschaft, das Thema im Licht moderner Erkenntnisse neu zu untersuchen. (Wenn im folgenden der Begriff „Homosexualität“ verwendet wird, dann bezieht er sich sowohl auf schwule wie auch auf lesbische Beziehungen.) Nach gegenwärtigen medizinischen Erkenntnissen ist Homosexualität oft eine Anlage, die die betreffende Person seit ihrer Geburt hat. Die Mehrheit aller homosexuellen Menschen hat in dieser Hinsicht keine Wahl und betrachtet ihre Anlage als naturgegeben. Man schätzt, dass etwa 5 – 10% der Bevölkerung homosexuell sind und es gibt keinerlei Anzeichen, dass der jüdische Anteil hier eine Ausnahme bildet. Daher wäre es falsch, diejenigen, deren Homosexualität zu ihrem natürlichen Leben gehört, als sündhaft zu betrachten. Sie sind, wie sie geboren wurden und können Genesis 1,27 paraphrasieren: „Als Mann und Frau schuf er mich“.

Trotz dieser vernünftigen Erklärung tun sich viele heterosexuelle Menschen äußerst schwer mit dem Thema Homosexualität. Dies ist zum einen das Ergebnis einer angeborenen Abneigung denen gegenüber, die anders als man selbst sind und deren Lebensstil das „normale Muster“ von Fortpflanzung und Familienleben verlässt. Außerdem basiert es sich auf einer Reihe von unbegründeten Vorurteile, zum Beispiel der Annahme, Homosexuelle seien pädophil. Diese Verallgemeinerung ist genauso unberechtigt wie jene, alle heterosexuellen Männer würden Mädchen vergewaltigen. Daher ist es wichtig, zwischen der persönlichen Einstellung zur Homosexualität und den Rechten von Juden zu unterscheiden, die lesbisch und schwul sind. Außerdem muss die derzeitige Rechtslage in Deutschland berücksichtigt werden. In der Vergangenheit galt Homosexualität als eine Straftat, der eine Gefängnisstrafe drohte. 1897 hatte der Arzt Magnus Hirschfeld ein Komitee gegründet, das sich für die Abschaffung des Homosexuellen-Paragraphen 175 einsetzte und der Reichstag stimmte 1929 zu, eine entsprechenden Vorlage zu entwerfen,. Zu einer weiteren Entwicklung kam es jedoch nicht mehr, denn 1933 verboten die Nationalsozialisten alle Homosexuellen-Organisationen und deren Publikationen. 1935 wurde §175 StGB schließlich verschärft und homosexuellen Männern drohte Gefängnis bzw. Konzentrationslager. Diese nationalsozialistische Fassung des §175 StGB war bis 1968 geltendes Recht in der DDR, bis 1969 in der Bundesrepublik, d.h. homosexuelle Handlungen galten als Straftaten. Seit 1968 bzw. 1969 sind homosexuelle Handlungen legal, wenn sie zwischen erwachsenen Menschen in gegenseitigem Einvernehmen im privaten Bereich geschehen. In der Vergangenheit waren lesbische Beziehungen nicht von den Verboten bestimmter sexueller Verhaltensweisen betroffen (möglicherweise weil man sie nicht für existent hielt) und daher nie in vergleichbarer Weise illegal wie schwule Beziehungen.

Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass die sexuellen Vorlieben eines Menschen nur ein Aspekt seiner Persönlichkeit sind. Dies betrifft Homosexuelle wie Heterosexuelle. Daher können sie nicht das einzige Kriterium sein, nach dem eine Person beurteilt wird, ja man muss sagen, eigentlich gehen sie niemanden etwas an, solange nicht andere Menschen dadurch verletzt werden. Eine Person sollte aufgrund ihres Charakters, ihrer Reife, ihres ethischen Verhaltens und ihrer Beteiligung am jüdischen Leben beurteilt werden. Es müsste selbstverständlich sein, dass sich jüdische Homosexuelle so jüdisch fühlen wie jüdische Heterosexuelle, die eine jüdische Erziehung in einer jüdischen Familie hatten und dieselbe jüdische Prägung wie andere erfahren haben. Der einzige Unterschied ist, dass sie sich oft durch die Art und Weise isoliert fühlen, in der die jüdische Gemeinde fast ausschließlich auf Ehepaare mit Kindern ausgerichtet ist. Ebenfalls ist das Stigma, mit dem die Homosexualität sowohl von der jüdischen Tradition als auch von einzelnen Juden behaftet wird, sehr stark im Bewusstsein und kann dazu führen, dass sich Schwule und Lesben dem Gemeindeleben entziehen, weil sie befürchten, abgelehnt zu werden. Doch jüdische Homosexuelle können jüdisch sein, eine starke jüdische Identität haben und sich dem jüdischen Leben und Bräuchen verbunden fühlen. Es ist daher klar, dass die traditionelle Auffassung des jüdischen Gesetzes in einem Zeitalter, in dem Homosexualität als eine nicht zu verändernde Veranlagung angesehen wird, nicht mehr angemessen ist. Es gibt keinen Grund, warum Juden, von denen man zufällig weiß, das sie homosexuell sind, nicht Mitglied einer Synagoge werden und voll am Gemeindeleben teilnehmen könnten. Wenn ein homosexueller Mensch seine Sexualität offen lebt, mag das zwar andere in Verlegenheit bringen. Dies trifft aber in gleicher Weise auf Heterosexuelle zu, die sich in der Öffentlichkeit in einer offenkundig sexuell provokativen Weise verhalten.

Die jüdische Einstellung zur Homosexualität sollte alle sexuellen Handlungen erlauben, wenn sie zwischen erwachsenen Menschen in gegenseitigem Einvernehmen im privaten Bereich geschehen, wie sie schon immer eine Vielfalt von Handlungen zwischen heterosexuellen Ehepartnern in der Intimität ihres ehelichen Lebens erlaubte (Nedarim 20b). Umgekehrt werden alle Formen der Untreue, Promiskuität oder sexuellen Ausbeutung verurteilt, unabhängig davon, ob sie von Hetero- oder Homosexuellen verübt werden. Außerdem sollte man der Doppelmoral ein Ende setzen, derzufolge Menschen, die das siebte Gebot übertreten und Ehebruch begehen, unbescholten davon kommen können, während man Schwule und Lesben, die treue Beziehungen leben, mit Abscheu betrachtet.

In den USA haben sich eigene Synagogen für Schwule und Lesben gegründet. Für die Herausbildung einer stabilen Identität als religiöse Juden war diese Entwicklung vielleicht ein wichtiger Schritt. Es wäre zu hoffen, dass progressive jüdischen Gemeinden es als ihre besondere Aufgabe betrachten, eine solche selbstgewählte Ausgrenzung unnötig zu machen: durch Offenheit, Toleranz und Akzeptanz für Lebensstile, die sich vom eigenen abheben.

Ein damit zusammenhängendes Thema sind Segnungen homosexueller Paare. In Deutschland sind homosexuelle Partnerschaften zivilrechtlich anerkannt.
Das Paar kann seine gegenseitige Verantwortung in einer religiösen Zeremonie öffentlich bekunden. Eine Gelegenheit bietet das Anbringen einer Mesusa in der gemeinsamen Wohnung. Sie symbolisiert die Gründung eines jüdischen Zuhauses mit der Hoffnung, dass diejenigen, die hier wohnen, in Harmonie zusammenleben mögen.

Zurück zu Hochzeit (Chuppa) oder Weiter zu Kopfbedeckung (Kippa)