Grundsätze 1-16

Was viele Juden eint (1-16)

1.

Uns eint unsere jüdische Tradition, die ererbte Kultur des jüdischen Volkes und seine zentrale Botschaft seit der Zeit Abrahams: die Herrschaft des einen Gottes. Juden glauben und bezeugen: Gott ist einzig und unteilbar. Er ist der Schöpfer der Welt, unsichtbar, transzendent und immanent. Gott schuf die Welt und erhält sie. Gott ist die Quelle der Ethik, Gott ist ein Gott der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit und erwartet, dass alle Menschen Gerechtigkeit und Wohltätigkeit untereinander üben.

2.

Uns eint das jüdische Volk (am jisrael); in ihm lebt die jüdische Religion und das kulturelle Erbe. Alle Juden sind miteinander durch den am Sinai eingegangenen Bund (berit) mit dem Ewigen verbunden. Gott ging mit unseren Vorfahren eine besondere Beziehung ein. Das jüdische Volk nahm mit der Tora am Sinai eine besondere Verpflichtung für alle Zeiten an: Zeugen des Ewigen, als Priestervolk ein Vorbild und nur so „Licht der Völker“ zu sein. Für uns als Nachkommen entsteht daraus die Verantwortung Gott zu bezeugen, ihm verpflichtet zu sein und seinem Weg zu folgen.

Als Teil des jüdischen Volkes (klal jisrael) ist es uns geboten, sich überall für die Rechte seiner Angehörigen einzusetzen. Wir treten der Diskriminierung von Jüdinnen und Juden sowie aller jüdischen Gemeinden entgegen und setzen uns dafür ein, ihr materielles und geistiges Wohl zu fördern.

3.

Uns eint das Band zum Staat Israel, unser Bestreben, uns für seine Sicherheit und den Frieden aller Bewohner in seiner Region einzutreten, seine Entwicklung zu fördern und ihn bei der Aufnahme von Einwanderern zu unterstützen. Nicht zuletzt setzen wir uns für die Ziele ein, die in der Unabhängigkeitserklärung Israels formuliert wurden.

4.

Uns eint unsere Erfahrung und Erinnerung der jüdischen Geschichte durch die Generationen. Jüdisches Leben von seinen Anfängen bis heute ist ein einzigartiges Beispiel von Überleben, menschlicher Leistung und göttlicher Handlung. Die Kreativität jüdischen Lebens zeigt sich in vielen Ländern und unter verschiedenen Bedingungen. Die Erinnerung an die blühenden Zeiten in der Diaspora, als auch an die Zeiten fast unaussprechlichen Schreckens bestärken uns in unserem Willen, zum Überleben des jüdischen Volkes und damit des Judentums, beizutragen.

Die Geschichte ist ein linearer Prozeß mit Fortschritten und Rückschritten, Siegen und Niederlagen. Gott hat der Geschichte ein Ziel gesetzt: das ist die Zeit, in der alle Menschen den Einen Gott verehren werden, in der das Gute über das Böse triumphieren und das Reich der Freiheit, Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens für alle Zeiten und für alle Welt errichtet wird. Als Juden streben wir nach dem von Gott gesetzten Ziel der Geschichte: in der messianischen Zeit ist die Menschheit eins und mit dem Ewigen versöhnt. Menschen als Gottes Geschöpfe können mit ihrer Lebensführung aus freiem Willen zum Kommen des messianischen Zeitalters beitragen.

5.

Uns eint die jüdische Lehre über die Tora. Das Volk Israel erhielt am Sinai und in der darauf folgenden Zeit durch Offenbarung und Inspiration, durch Nachdenken und Diskussion ein zunehmendes Verständnis von Gottes Willen. Dies ist ein kontinuierlicher Prozess.

Mit allen Juden streben wir durch das Studium der Schriften nach Erkenntnis. Sie umfassen die schriftliche und die mündliche Thora sowie alle philosophischen und literarischen Ausdrucksformen des jüdischen Geistes. Torastudium soll in jeder Familie und muss in jeder Generation so umfassend wie möglich stattfinden. Dies erst ermöglicht uns jüdisches Leben und Handeln, um es dann in verbindliche Lebenspraxis im Einklang mit der Tora umzusetzen. Die Schriften sind uns eine Quelle der Weisheit, aus der wir immer wieder schöpfen, um Orientierung und geistige Anregung zu suchen.

6.

Uns eint das jüdische Lernen (talmud tora). Wir halten die institutionelle und die familiäre Unterweisung von Kindern und Erwachsenen in der jüdischen Geschichte und Literatur, Gedankenwelt und Praxis sowie in der hebräischen Schrift und Sprache für eine Voraussetzung und Grundlage des jüdischen Lebens, damit es von Generation zu Generation weiterbesteht.

7.

Uns eint das jüdische Bild vom Menschen. Der Mensch ist geschaffen im Bild Gottes, er hat einen freien Willen, er ist fähig, das Gute zu tun bis zum Besten und das Böse bis zum Schlimmsten. Der Mensch ist sterblich und trägt doch die Ewigkeit in sich. Der Mensch steht in unmittelbarer und persönlicher Beziehung zu seinem Schöpfer und kann diese Beziehung durch Umkehr (teschuwa) erneuern, wenn sie gestört ist.

8.

Uns einen die Mitzwot. Wir sind den Weisungen Gottes verpflichtet, ihren rituellen und ethischen Geboten, die uns fortwährend an die Aufgabe des jüdischen Volkes erinnern: nämlich ethisches Vorbild zu sein und die Gebote praktisch und mit Gebet umzusetzen. Dies bedeutet auch zu lernen und sich für eine bessere Gesellschaft und den Erhalt der Schöpfung einzusetzen.

9.

Uns einen die ethischen Werte des Judentums. Zu ihnen zählen die Ehrfurcht vor dem Leben, die Achtung vor Menschen und ihr Recht auf unversehrtes Leben und Besitz, die Pflicht zur Sorge um Arme und Kranke, das Streben nach Frieden (schalom), Wohltätigkeit gegenüber anderen (gmilut chassadim), gute Taten und soziale Gerechtigkeit (zedaka). Als eigenverantwortliche Partnerinnen und Partner in der Schöpfung haben wir gemäß diesen Werten gegenüber der Umwelt und allen Geschöpfen, die in ihr leben, zu handeln.

10.

Uns eint die jüdische Sicht auf das familiäre Heim des Menschen als „kleines Heiligtum“ (mikdasch meat), das von der Schönheit des Heiligen erfüllt ist. Hier können die Werte und Traditionen des Judentums am besten vorgelebt, gelehrt und von Generation zu Generation weitergegeben werden.

11.

Uns eint die Verpflichtung gegenüber der Synagoge (bet haknesset) und der sie tragenden Gemeinde. Sie ist das gemeinschaftlich geleitete jüdische Zentrum. Sie hat eine dreifache Funktion: Sie ist ein Haus des Gebets, Haus der Gemeinschaft und Haus des Lernens.

12. Uns eint die Bedeutung, die wir jüdischem Gebet und jüdischem Gottesdienst in der Gemeinschaft zumessen. Sie sind Wege, auf denen der Einzelne und die Gemeinde immer wieder nach der Gegenwart Gottes suchen, geistige Kraft aus der religiösen Tradition Israels schöpfen und sich bewusst machen, wo sie Verantwortung übernehmen müssen.

13.

Uns eint die Liturgie des jüdischen Gebets. Unverzichtbare Bestandteile des jüdischen Gebets sind das Sch’ma als Bekenntnis der Einzigkeit Gottes, die Amida als zentrales Gebet, in dem wir Gott loben und seine Hilfe erbitten sowie die öffentliche Lesung der Tora. Hierzu treten eine Fülle von Segenssprüchen, Gebeten, Liedern und Hymnen, die jüdische Weise, Dichter und Mystiker in verschiedenen Ländern zu unterschiedlichen Zeiten verfasst haben.

14.

Uns eint die Heiligung des Schabbat. Wir gedenken des siebten Tages als Tag der Ruhe und Freude, des Lernens und des Gebets. Wir feiern ihn durch Arbeitsruhe, durch Gottesdienst, das Kerzenanzünden, durch die Rituale von Kiddusch und Hawdala.

15.

Uns eint das Feiern der Feste des jüdischen Kalenders. So begehen wir die Hohen Feiertage (Jamim noraim) mit Rosch ha-Schana und Jom Kippur als Tage der Besinnung, Umkehr und geistigen Erneuerung. An den drei Wallfahrtsfesten (Pessach, Schawuot und Sukkot) feiern wir Freiheit und Offenbarung. Am Schlußfest (Simchat Thora) drücken wir unsere Liebe zur Tora aus. Wir feiern Chanukka und fördern die Feier von Purim, Tu-Bisch’wat) sowie der Fasttage wie Tischa be-Aw. Darüber hinaus begehen wir Jom ha-Azma’ut und Jom ha-Scho’ah.

16.

Uns eint die Begleitung des jüdischen Lebens durch religiöse Handlungen. Dazu gehören Beschneidung (brit mila) und Namengebung nach der Geburt, Eintritt ins Erwachsenenalter durch Bar-Mitzwa oder Bat-Mitzwa, Hochzeit unter der Chuppa, die Einweihung eines Hauses, schließlich Beerdigung und Trauer, die wir alle mit einem religiösen Ritual in der jüdischen Tradition begehen.