Preisträger

Preisträger 2012

Israel-Jacobson-Preis 2012
der Union Progressiver Juden in Deutschland


Preisträger:

Leo Hepner

Dass jüdisches Engagement auch dem Wohle der Gesellschaft dient, der Überwindung von Vorurteilen und dem Bemühen um ein friedliches Zusammenleben und Wirken der Kulturen, dafür steht Dr. Leo Hepner. Geboren in Leipzig, wurde er von seinen Eltern in der orthodoxen
Tradition erzogen. Unbeschwert war seine Jugend. Der Vater leitete eines der für Leipzig einst so wichtigen Unternehmen der Pelzindustrie. Dank seiner internationalen Verbindungen, gelang der Familie im buchstäblich letzten Augenblick die Flucht aus Nazideutschland nach London (zwei Tage vor Kriegsausbruch). Leo Hepner studierte Chemie, promovierte 1955 und siedelte nach Israel über, um dort als Ingenieur in der Gummi- und Plastikindustrie zu arbeiten. Doch es zog ihn zurück nach Großbritannien. Er wurde Verleger, gründete eine Beratungsfirma, u.a. für den Bereich der Biotechnologie. Mit dem Israel Jacobson-Preis wird er geehrt für seinen Einsatz zur Wiederetablierung des liberalen Judentums in Deutschland, dem Land, in dem es ursprünglich entstand. Dabei kam Leo seine Erfahrung als langjähriger Präsident einer der renommiertesten Londoner liberalen Synagogen ebenso zustatten wie sein Wirken als Präsident der Europäischen Union für progressives Judentum. Er hatte aktiven Anteil an der Gründung liberaler Gemeinden in Deutschland. Das Wiederaufleben eines weltoffenen Reformjudentums in Deutschland ist mit dem Namen Leo Hepner verbunden. Bleibt noch nachzutragen, das er Bratsche spielt und eine Stiftung ins Leben gerufen hat, die junge Musiker und Komponisten besonders im Bereich der Neuen Musik fördert.

Jan Mühlstein

Geboren wurde er 1949 in der Tschechoslowakei. Jan Mühlstein wuchs in einer Familie auf, die – nicht untypisch in der damaligen Tschechoslowakei – über Generationen mit dem liberalen deutschen Judentum verbunden war. An der Karlsuniversität in Prag studierte er Physik und engagierte sich aktiv im Prager Frühling. Doch nach dem Einmarsch der russischen Truppen emigrierte er nach Deutschland, setzte in München sein Studium fort, promovierte in theoretischer Quantenoptik und engagierte sich für Amnesty International, dessen Bundesvorstand er lange angehörte. Als in München wieder eine liberale jüdische Gemeinde aufgebaut wurde, zählte er zu den Gründern. Heute steht er seiner „Beth Shalom“, seiner „Haus des Friedens“-Gemeinde vor. Besondere Verdienste erwarb er sich um die Gründung des ersten liberal-jüdischen Dachverbands nach der Schoa, der 1997 gegründeten „Union für progressives Judentum in Deutschland“ (UpJ). Er hat durch sein vielfältiges Engagement das wiederaufkeimende liberal-jüdische Leben in Deutschland nachhaltig geprägt, insbesondere als Vorsitzender der UpJ in den Jahren 1999 bis 2011. Sein besonderes Interesse galt dabei der jungen Generation und die UpJ verdankt wesentlich ihm den Auf- und Ausbau ihrer Jugendabteilung.

Preisträger 2010

Israel-Jacobson-Preis 2010
der Union Progressiver Juden in Deutschland

Preisträgerin:

Ruth Cohen
Geboren wird sie in eine fromme, “orthodoxe” Familie; Ruth und Harvey, ihr Mann, beschließen der North Western Reform Synagoge beizutreten, nicht zuletzt der würdevollen und familiären Atmosphäre wegen.

Ursprünglich in die dortige Frauengruppe involviert, wird Ruth bald zur Vorsitzenden der Synagoge gewählt und kurz darauf ins Direktorium der Reformsynagogen Großbritanniens – heute die Jüdische Reformbewegung. Sie wird Vorsitzende der Reform Synagogues of Great Britain (RSGB) und arbeitet bei der World Union for Progressive Judaism, wo sie sich besonders mit Israel und der Jugendarbeit befasst. Sie wird Vize, später Vorsitzende der WUPJ.

Ruth und Harvey machen 1999 ihre Alija nach Israel, nachdem sie ein Leben lang für den Zionismus tätig gewesen sind. Heute sind sie glücklich in die Reformsynagoge ihres Wohnorts eingebunden. Ruth unterstützt aktiv das Saltz Education Centre in Jerusalem und ist verantwortlich für die Entwicklung der inzwischen sehr erfolgreichen Beutel-Seminare.

Der älteste Sohn Jonathan lebt mit seiner Familie im Süden Israels und David, der jüngere Bruder, lebt als erfolgreicher Schriftsteller und Kunstkritiker in New York.

Laudatio zum Israel-Jacobson-Preis 2010:
Landesrabbiner Dr. h.c. William Wolff

Preisträger 2007
Israel-Jacobson-Preis 2007
der Union Progressiver Juden in Deutschland

Preisträger:

Landesrabbiner em. Dr. h.c.. Henry G. Brandt

Geboren 1927 in München. 1939 Flucht der Familie über England nach Palästina. Nach Gründung des Staates Israel Teilnahme am Unabhängigkeitskrieg von 1948. 1951 bis 1955 Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Queen’s University of Belfast. 1957 bis 1961 Rabbinerstudium am Leo Back College in London. Rabbiner in Leeds, Genf, Zürich (Gründungsrabbiner der Liberalen jüdischen Gemeinede Or Chadasch) und Göteborg. von 1983 bis 1995 Landesrabbiner der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen mit Sitz in Hannover, von 1995 bis 2004 Landesrabbiner von Westfalen-Lippe in Dortmund. Seit 2004 Gemeinderabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg und Rabbiner der Jüdische Kultusgemeinde Bielefeld, die der Union progressiver Juden angehört.

Vorsitzender der (nichtorthodoxen) deutschen Allgemeinen Rabbinerkonferenz, jüdischer Vorsitzender des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Mitglied des Vorstandes der Buber-Rosenzweig-Stiftung und langjähriges Mitglied im Gesprächskreis „Christen und Juden“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

1994 Ehrendoktorwürde der Evangelische Fachbereich der Philipps-Universität Marburg, 2005 Muhammad-Nafi-Tschelebi-Preis der Stiftung Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland für wegweisende Funktion im jüdisch-muslimischen Dialog.

Professor Dr. Dr. h.c. Ernst Ludwig Ehrlich

Geboren 1921 in Berlin, Studium bei Leo Baeck an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, 1942 bis 1943 Zwangsarbeit, 1943 Flucht in die Schweiz.

1950 Promotion zum Dr. Phil. in Basel, ab 1955 Lehraufträge für Judaistik an den Universitäten Frankfurt/Main, Zürich, Bern und Basel.

1958 bis 1996 Generalsekretär der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft der Schweiz, 1961 bis 1994 Direktor des Europäischen Distrikts von B‘nai B’rith,

seit 1972 Honorarprofessor für Neuere Jüdische Geschichte und Religion/Literatur an der Universität Bern

Mitglied des „International Jewish Committee for lnterreligious Consultations“, Co-Präsident der christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaft beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund und (seit 1990) bei der von der Schweizerischen Bischofskonferenz beauftragten Jüdisch-Römisch-Katholischen Gesprächskommission

Auszeichnungen: Leo-Baeck-Preis (1956), Buber-Rosenzweig-Medaille (1976), Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (1984), Dr. h.c. der Theologischen Fakultät der Universität Basel (1986); Mitglied der Academie Scientiarum et Artium Europaea, Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät der Freien Universität Berlin (2003), Erster Bischof Hemmerle-Preis für besondere Verdienste im jüdisch-christlichen Dialog (2004), Ehrendoktor der Theologischen Fakultät der Universität Luzern (2005)

Autor zahlreicher Veröffentlichungen

Landesrabbiner Dr. h.c. William Wolff

Geboren 1927 in Berlin. 1933 Flucht der Familie nach Holland, 1939 Übersiedlung nach London. Über 25 Jahre als Journalist bei großen und kleinen englischen Tageszeitungen tätig. 1979 bis 1984 Rabbinerstudium am Leo Baeck College in London.

Rabbinerassistent bei Rabbiner Hugo Gryn an der an der West London Synagogue, Rabbiner Rabbiner in Newcastle upon Tyne, Milton Keynes, Brighton und Wimbledon. Seit März 2002 Landesrabbiner von Mecklenburg Vorpommern, dafür Russisch gelernt. 2006 Siemerling-Sozialpreis des Dreikönigsverein Neubrandenburg und Ehrendoktorwürde der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald.

Laudatio zum Israel-Jacobson-Preis 2007:
Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka

Dankesrede der Preisträger:
Professor Dr. Dr. h.c.Ernst Ludwig Ehrlich

Preisträger 2005

Israel-Jacobson-Preis 2005 der Union Progressiver Juden in Deutschland

Preisträger:

Rabbiner Walter Jacob

Präsident des Abraham Geiger Kollegs Potsdam

Senior Scholar der Gemeinde Rodef Shalom in Pittsburgh

Rabbiner Jacob gehört zu den führenden Rabbinern der Vereinigten Staaten, unter anderem als Präsident der Zentralkonferenz Amerikanischer Rabbiner und Mitglied im Aufsichtsrat des Hebrew Union College-Jewish Institute of Religion. Er feiert 2005 seinen 75. Geburtstag und das Goldene Ordinationsjubiläum. Rabbiner Jacob wurde in Augsburg geboren, wo sein Vater Ernst Jacob Rabbiner der liberal ausgerichteten jüdischen Einheitsgemeinde war. Sein Großvater Benno Jacob, ein bedeutender jüdischer Bibelkommentator, war liberaler Rabbiner in Dortmund. 1939 flüchtete die Familie in die USA, wo Walter Jacob zum Rabbiner ordiniert wurde. Rabbiner Walter Jacob ist Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes und des Päpstlichen Gregoriusordens.

Dem Mitte der 90er Jahre eingeleiteten Wiederaufbau des liberalen Judentums verlieh Rabbiner Walter Jacob Anerkennung und Autorität. Als Oberrabbiner der Liberalen jüdischen Gemeinde München Beth Shalom gründete er in den USA die „Friends of the Union of Progressive Jews in Germany, Austria and Switzerland“. Zu seiner Aufbauleistung in Deutschland gehörte die Gründung des Abraham Geiger Kollegs in Potsdam, des ersten Rabbinerseminars in Deutschland nach der Schoa, dessen Präsident er bis heute ist.

Preisträger 2003

Israel-Jacobson-Preis 2003
der Union Progressiver Juden in Deutschland

Preisträger:

Rabbiner Uri Regev
Generalsekretär der Weltunion für das Progressive Judentum
Laudatio: Rabbiner Dr. Walter Homolka, Direktor des Abraham Geiger Kollegs, Berlin, 11.Juli 2003

Dear Uri,
Friends, Ladies and Gentlemen!
For me as the preceding recipient of the Israel Jacobson Award it is a real pleasure to congratulate you most cordially to this highest honour which the Union of Progressive Jews in Germany can bestow upon a person who has strrived for Liberal Judaism to grow and to blossom.

The Award is given every two years in commemoration of Israel Jacobson, one of the earliest and most courageous founding fathers of Progressive Judaism in the early 19th century. Using the new legal and political circumstances in Germany which arose from Napoleon’s victorious conquest of wide parts of the German states Jacobson fostered the establishment of an enlightened Judaism in the Kingdom of Westphalia and later also in Berlin – against much opposition from the Orthodox establishment which called for the King’s intervention against any reform tendencies within the Jewish congregation. Israel Jacobson combined secular with religious learning, good organisational talents and a strong vision how Judaism can survive in the future.
All these aspects fit your biography perfectly. A lawyer and rabbi by training, you, Uri, have so fantastically combined religious dedication with your legal mind to strive for equality of all Jews wherever they live.
Foremost of all I want to mention your work at the Israel Religious Action Centre. It is the public and legal advocacy arm of the Israel Movement for Progressive Judaism. The Center’s mission is to advance religious freedom and pluralism, tolerance, social justice and civil liberties in Israel , based on the belief that these values are intrinsic to and stem from a liberal understanding of Judaism.

Since its establishment in 1987, the Center has been a leader in the struggle for freedom of religion and conscience in Israel . The Israel Religious Action Center has been a source of inspiration and pride for me in my own work over the years. The Center is a source of inspiration for a serious systematic and determined battle for religious pluralism in Israel . It is also a source of pride for any individual who believes that Judaism is much more than ritual and ceremonies in the synagogue.

With your gifted work in Israel you, Uri, have proved that our communities are in need of a Jewish progressive world organisation that is built on three virtues: religious sincerity and spiritual growth, the ability to argue legally against all injustice and inequality, and the diplomatic talent to embrace and relate to the political adversary.

These three gifts, tested so well in Israel , have finally brought you to the executive leadership of the World Union for Progressive Judaism. And they have brought you to Germany where all three of your gifts: diplomacy, advocacy, and religious inspiration, have recently brought our struggle for equality to fruition. Over the last year you have helped us to formulate and to communicate well our demand to be treated as a valid and authoritative arm of the Jewish world population.

You have expressed this in your essay in the German weekly DIE ZEIT last autumn, you have interpreted our position to German ambassadors all over the world and to the members of our federal government. When the German government, in January 2003, signed the contract for financial support of the Jewish community via the Central Council of Jews in Germany you didn’t stop but helped lobbying the members of our federal parliament to influence the ratification process of this document.

As a consequence, each and every party faction in parliament has meanwhile acknowledged that the contract includes also funding for the progressive Jewish congregations and institutions in Germany and that the realization of this eligibility is reviewed by government within twelve months. The impressive list of guests being with us last night, among them representatives from all important walks of life, shows that we have returned to Germany as a legitimate denominational arm of Judaism, at last.
So today, the same day when the ratification of this contract with the Central Council of Jews in Germany has been completed by a final vote of Germany’s Upper House, Bundesrat, the House of States, – in the very same building where the World Union for Progressive Judaism held its 1928 Berlin convention – we are happy to know that it reads differently from what Paul Spiegel thought it might mean.

Your strong arm has amended it and has written in a right for us to receive federal funding in realization of the constitutional principle of equal treatment for all denominations and all faiths.
We know and you know that we have a long path still to go.
We know and you know that having a right is different from getting what is right.

We know that you know: Germany is only one part of a global family of Progressive Judaism.

Acknowledging your manifold good works and deeds for and on behalf of the World Union for Progressive Judaism is our way to thank you that Germany, the cradle of progressive Judaism, is so high on your agenda to advance the values of human equality, social justice and religious tolerance in the world.
Preisträger 2001

Israel-Jacobson-Preis 2001
der Union Progressiver Juden in Deutschland

Preisträger:

Rabbiner Dr.Walter Homolka

Direktor des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam zur Ausbildung von Rabbinern für Europa
Laudatio: Prof. D.Dr. Ernst-Ludwig Ehrlich, Basel
Ehrenvizepräsident des B’nai B’rith
Europa

Halberstadt, 30. Juni 2001

Lieber Walter,
Meine Damen und Herren,
Wir gedenken heute eines Mannes, der in der jüdischen Geschichte eine einzigartige Bedeutung hat. Er benutzte die kurze Zeit, die den Juden im 1808 neugebildeten Königreich Westfalen blieb, als der Napoleons Bruder Jerôme die Juden in den Genuss der bürger-lichen Emanzipation auf allen Gebieten brachte. In Westfalen wurde ein jüdisches Konsistorium eingerichtet, um die Juden in ihrer gesellschaftlichen Integration voranzubringen. Präsident wurde der angesehene Bankier Israel Jacobson. Er errichtete in der Stadt Seesen nicht nur eine jüdische Schule, die den christlichen gleichwertig war, sondern veränderte auch den jüdischen Gottes-dienst in Westfalen. Das Hauptziel war Ordnung und Feierlichkeit und eine Angleichung an den protestantischen Gottesdienst, wobei es weniger um Assimilation ging als um Würde. Jacobson legte grossen Wert auf Ästhetik und eine angemessene Ruhe in der Syna-goge, die natürlich eine Orgel besass, und auf eine Verkürzung, um die Andacht nicht zu beeinträchtigen. Der Gottesdienst konnte durchaus auf Hebräisch vollzogen werden.

Es ist vielleicht illustrierend, wenn wir einen Brief lesen, der einer der bedeutendsten jüdischen Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts an einen Freund schrieb, nachdem er den Gottesdienst von Israel Jacobson besucht hatte. Es ist dies freilich kein Gottes-dienst, der in Seesen stattfand, sondern Jacobson war schon nach Berlin umgezogen. Diesem Brief kommt besondere Bedeutung zu, weil er von einem Mann wie Leopold Zunz geschrieben wurde, der ein sehr kritischer Geist war und weit über dem Niveau der jüdischen Menschen seiner Zeit stand. Der Brief ist vom 16. Oktober 1815 und hat folgenden Inhalt:

„Gestern oder vielmehr Sonnabend war ich in Jacobsons Synagoge. Menschen, die 20 Jahre keine Gemeinschaft mit Juden hatten, verbrachten dort den ganzen Tag: Männer, die über die religiöse Rührung schon erhaben zu sein glaubten, vergossen Tränen der Andacht; der grösste Teil der jungen Leute fastete. Aber wir besitzen hier auch drei Redner, die der grössten Gemeinde Ehre machen würden. Herr Auerbach trägt mit philosophischer Klarheit und innerer Gediegenheit vor, seine Stimme ist klingend, weich; sein Weisen ist Unschuld; selbst das Hebräische spricht er wun-derschön aus, auch ist er ein guter Dichter in dieser Sprache. Kley ist lebendig und kühn; seine Bilder erregen die Fantasie; als er sagte: ‘nun wollen wir uns erheben’ war auch alles – wohlge-merkt abends 5 Uhr – wie durch einen Zauberschlag aufgesprungen. Diesen möchte ich mit Ezechiel, jenen mit Jeremias vergleichen. Den dritten, Günsberg, werde ich das nächste Fest hören. Übrigens, es war der Gesang und die Musik gut, und Dr. Heinroth bringt uns jetzt die Seesensche Orgel her.“

Nur fünfeinhalb Jahre konnte das Konsistorium unter Jacobson in dem Jakobs-Tempel in Seesen wirken. Der 17. Juli 1810 war ein feierlicher Akt von symbolischer Bedeutung, an dem auch katholi-sche und evangelische Würdenträger teilnahmen. Den Gottesdienst leitete Jacobson selber ein, und er hielt auch die Hauptrede. Ihm ging es nicht nur um eine Reform, sondern auch um ein besseres Verhältnis von Juden und Nichtjuden, wobei die fortschreitende Aufklärung der Juden sowie die Bildung ihres Geistes sie zu einer echten Religiosität führen sollten. In seiner Rede heisst es:

„Vor allem aber lass uns lebhaft erkennen, dass wir mit allen Bekennern andrer Gotteslehren Brüder sind, Abkömmlinge Eines Geschlechts, welches dich als seinen allgemeinen Vater verehrt, Brüder, die sich zur Liebe und sanften Duldung anleiten müssen, Brüder endlich, welche unter deiner Führung einem gemeinschaft-lichen Ziele entgegenwandeln, und zuletzt, wenn alle Nebel von unsern Augen verschwunden, alle Irrthümer von unserm Geiste gewichen, alle Zweifel von unserm Verstande gelöst sind, sich auf dem selben Pfade begegnen werden.“

Nur drei Jahre später war das Königreich Westfalen untergegangen und mit ihm das jüdische Konsistorium – all seine Verfügungen, Pläne, Hoffnungen waren zunichte gemacht. Jacobson liess sich in Berlin nieder, wo er, freilich ohne Unterstützung der Regierung, den Versuch unternahm, ähnliche Reformen durchzuführen. Aber die grosse Zeit, die das Königreich Westfalen mit sich gebracht hatte, war jetzt zu Ende. Noch lange sollten sich die einstigen Häupter des Konsistoriums nach ihr zurücksehnen.

Jacobson ging es vor allem auch um die Jugend, um eine neue Form des Religionsunterrichts, wobei er einen für damalige Verhältnisse hohen Betrag für die Schule in Seesen zur Verfügung stellte, so dass auch arme Kinder sie besuchen konnten. Jacobson war, wie wir heute sagen würden, kein Intellektueller, sondern ein Mann der Tat, und als in Westfalen das napoleonische Königreich zusammen-brach, zog er 1818 nach Berlin und richtete in seiner Wohnung einen Privatgottesdienst ein, der so viel Anklang fand, dass er in den grossen Saal des Hauses von Jakob Beer umziehen musste, dem Vater des Komponisten Meyer-Beer. Die Berliner Gemeinde erreichte, dass die Regierung diesen Gottesdienst 1823 durch königliche Kabinettsorder verbieten liess.

Jacobsons erste Versuche haben dann im liberalen Judentum im Laufe der nächsten Jahrzehnte in Deutschland und schliesslich vor allem in Amerika Erfolg gehabt, wenngleich er selbst, der 1828 starb, das auch nicht mehr erlebte.
Wenn wir Jacobson hier in Dankbarkeit gedenken, so fällt es uns nicht schwer, zugleich über einen Mann zu sprechen, der 200 Jahre später sein Erbe aufnimmt. Dabei haben wir uns zu vergegenwärti-gen, was heute leider in der Bundesrepublik Deutschland vergessen wird: dass die Mehrheit der deutschen Juden bis 1933 in der einen oder anderen Weise auf dem Boden der Ideen von Jacobson standen. Sie waren in einer Einheitsgemeinde mit denjenigen vereint, die das liberale Judentum nicht teilten, sondern eine konservative Richtung bevorzugten. Die Tragik des Judentums in Deutschland heute ist, dass diese Form der Einheitsgemeinde weitgehend verloren, vergessen, bekämpft wird.

Es ist das einzigartige Verdienst von Walter Homolka, an die alte deutsch-jüdische Tradition wieder angeknüpft zu haben. Gemeinsam mit Israel Jacobson hat er die Energie und die Durchsetzungskraft, die Liebe zum Judentum und zugleich den praktischen Sinn. Und obwohl Walter Homolka kein Hoffaktor ist, so verbindet ihn doch mit Israel Jacobson die Fähigkeit, nicht nur das liberale Judentum neu zu organisieren, sondern auch etwas vom Bankwesen zu verstehen. Allerdings fehlte Jacobson die solide Ausbildung in Philosophie und jüdischen Studien, die Walter Homolka zuteil wurde. Wenngleich Israel Jacobson gerne predigte, hatte er nie eine Ordination zum Rabbiner erhalten. Wer hätte ihn damals auch ordinieren sollen? Auch war Jacobson – wie Homolka – zwar ein Mann durchgreifender Tatkraft, aber kein Mann der Schrift. Wenn man sich die Liste der Aufsätze, Bücher und Zeitschriften ansieht, so ist die literarische Leistung von Walter Homolka beträchtlich und vor allem ungemein vielseitig.

Dabei handelt es sich nicht um periphere Aufsätze, sondern um wirklich grundlegendes Material. Ich erinnere an das „Jüdische Gebetbuch“ in zwei Bänden, an die Neuauflage der „Lehren des Judentums nach den Quellen“ in drei Bänden; ferner zwei Bücher gleichsam für den täglichen Gebrauch: „Die Weisheit des Judentums. Gedanken für jeden Tag des Jahres“ sowie „Ich gehe meinen Weg mit Gott. Jüdische Gebete“. Beide – und ich erwähne sie hier bewusst aus eigener Erfahrung – sind ungemein hilfreich, und es sei die durchaus unpolemische Frage erlaubt, wer von den orthodoxen oder pseudoorthodoxen Kollegen Homolkas in diesem Land in kürzester Frist solche für den wirklichen Gebrauch konzipierten Bücher veröffentlicht hat.

Es liegt vielleicht an mir, und es wird vielleicht Walter Homolka nicht voll gerecht, wenn ich nur diese und andere seiner literarischen Produktionen derart in den Vordergrund stelle. Sie sind jedoch der handgreifliche Beweis für ein von ihm erstrebtes lebendiges Judentum. Andere polemisieren, verleumden, schwatzen – Homolka gibt Juden und Jüdinnen etwas in die Hand, das ihnen jüdisches Wissen und jüdisches Leben ermöglicht. Dass Andere seine Werke und sein Wirken anerkannt haben, zeigt zuletzt seine Ernennung zum Mitglied in der ‘Europäischen Akademie der Wissen-schaften und Künste’ in Wien.

Ich sagte, meine Laudatio sei recht einseitig. Ich habe nicht darüber gesprochen, dass es Homolka war, der mit ganz Wenigen an seiner Seite das liberale Judentum in Deutschland geistig und vor allem organisatorisch wieder ins Leben rief, den Anschluss an die ‘World Union for Progressive Judaism’ ermöglichte und auf diese Weise neues Leben aus den Ruinen schuf. Kreative Menschen habe es schwer; sie werden von Neidern und Missgünstigen verfolgt. Das kann oft verletzend sein. Wir verdanken es Walter Homolka, dass er trotz allem ein geistiges, lebendiges, liberales Judentum ins Leben zurückgerufen hat und ihm vor allem eine Zukunft sichern will, indem er das Abraham Geiger-Kolleg in Potsdam schuf, das jungen jüdischen Menschen den Geist vermitteln soll, der einst vom liberalen Judentum ausging.

Vor mir liegt eine vergilbte Zeitschrift aus dem Jahre 1922. Sie heisst nicht allein „Liberales Judentum“, sondern hat den Untertitel „Monatsschrift für die religiöse Erneuerung des Judentums“. Walter Homolka wird sicher damit einverstanden sein, wenn das neue Abraham Geiger-Kolleg im Geiste Leo Baecks wirkt, der in der er-wähnten Zeitschrift 1922 folgendes äusserte:

„Wir sprechen von unserer Thora, von unserer Religion, und das sollte nicht ein blosses Wort, sondern der Ausdruck des bestimmten Glaubensgutes sein, des Positiven, das das Judentum ausmacht. Aber neben diesem notwendigen, objektiven, autoritativen Faktor, auf den mit Recht immer hingewiesen werden muss, darf doch der andere, der Freihheitsfaktor, nicht übersehen werden, der, den man im gewissem Sinne den prophetischen nennen kann, dieses Gebot, zu suchen und zu forschen, das Wesentliche und Tragende des Judentums zu erfassen, seine grossen Grundsätze zu erkennen.

Die Propheten haben gesagt, was das Eine ist, was gut ist, und was der Ewige fordert, die Männer der mündlichen Lehre haben die Prinzipien der Bibel gesucht, die Religionsphilosophen des Mittelalters haben die Grundgedanken des Judentums festzustellen sich bemüht. Auch das ist eine Gabe im Judentum, die bleiben soll, sie ist das Liberale im edelsten Sinne dieses Wortes. Wenn immer wieder mit Recht an das Objektive gemahnt werden muss, wenn daran zu erinnern ist, dass nicht jeder seine Thora hat, sondern die Thora die des Moses, die Thora des Judentums ist, so sollte doch dieses andere auch nicht vergessen werden, dieses Gebot, in der Thora zu forschen.“
Das ist in Wahrheit liberales Judentum; darum geht es Walter Homolka: das Judentum in all seinen Aspekten zu erforschen, damit es im Leben auch verwirklicht werden kann.