Grundsätze 17-35

Besonderheiten des liberalen Judentums (17-35)

17.

Es gab nie einen Stillstand im Judentum, sondern stets eine nach vorn strebende Bewegung, die manchmal langsamer, manchmal schneller war. Die jüdische Geschichte ist reich an Kontinuität und an Veränderung.

Selbst biblisch fixierte Gesetze wurden in der mündlichen Tradition oder durch Ortsbrauch, Minhag, verändert oder außer Kraft gesetzt. Beispiele hierfür sind die Stellung zu Tieropfer, Kapitalstrafen, Polygamie, Sklaverei, die Leviratsehe oder der Schuldenerlass im siebten Jahr.

Wir erkennen den dynamischen, entwicklungsorientierten Charakter unserer jüdischen Religion an, der bereits in der Tradition angelegt ist. Wir möchten unsere jüdische Tradition religiös leben und dabei die Herausforderungen der Moderne im Kontext unserer Überlieferung reflektieren.

18.

Das Judentum war nie einheitlich, sondern stets pluralistisch. Wir achten die Vielfalt unserer Tradition. Die heutige Auffächerung des Verständnisses der Tradition in verschiedene Richtungen des Judentums geht bereits auf Entwicklungen des 18. Jahrhunderts zurück. Durch die Aufklärung wurde das jüdische Leben stark verändert. Sie stellte grundlegende Fragen an den jüdischen Glauben und seine Ausübung. Orthodoxe und liberale Juden haben unterschiedliche Antworten auf diese Fragen gefunden. Wir setzen uns für die wechselseitige Achtung und Toleranz aller jüdischen Richtungen ein.

19.

Wir sind Teil der progressiven jüdischen Gemeinden, die Millionen von Juden auf der Welt vereint.

20.

Die jüdische Tradition bewahrt eine Fülle von verschiedenen Gedanken und Lehren, aus der wir noch heute schöpfen und die unser religiöses Leben bereichert. Persönlichkeiten, die mit ihrer Suche nach einem lebendigem Judentum das liberale Judentum prägten und von denen wir in besonderem Maße lernen, waren unter anderem Abraham Geiger, David Einhorn, Leopold Zunz, Kaufmann Kohler, Israel Jacobson, Martin Buber, Leo Baeck, die erste Rabbinerin Regina Jonas sowie unsere Zeitgenossen Pnina Navé Levinson und Schalom Ben-Chorin.

21.

Im traditionellen Judentum gelten die heiligen Schriften als unmittelbare Offenbarung, das heißt als von Gott wörtlich eingegeben, eindeutig und unveränderbar. Das liberale Judentum betrachtet die Schriften als menschlichen Ausdruck einer existentiellen, religiösen Erfahrung des jüdischen Volkes, in denen sich der eine Gott offenbart. Die Autoren der hebräischen Bibel spiegeln in ihren Schriften Zeugnisse einer spezifischen Glaubenserfahrung und göttliche Inspiration. Wenn wir uns heute mit diesen Schriften auseinandersetzen, reflektieren wir diese Erfahrungen und Erkenntnisse im Rahmen der jüdischen Auslegungstradition. Gleichzeitig erkennen wir einen kritischen Umgang mit den Quellen und moderne Methoden der Bibel- und Textauslegung an.

22.

Das traditionelle Judentum geht von dem Glauben an einen Messias aus, der eines Tages alle Juden aus dem Exil zusammenbringen und auf dem Thron einer wiederhergestellten davidischen Monarchie sitzen würde. Wir dagegen bekräftigen die Hoffnung der Propheten auf ein universales, messianisches Zeitalter, das dadurch entsteht, dass die gesamte Menschheit Gottes Willen annimmt.

23.

Das traditionelle Judentum glaubt, dass der Tempel wieder errichtet werden würde, wenn der Messias kommt und die in der Bibel vorgeschriebenen Opfer dann erneut von einer erblichen Priesterschaft durchgeführt würden. Aus Trauer um die Zerstörung des Tempels lehnte man Instrumentalmusik im Gottesdienst ab. Wir haben die Auffassung, dass die Synagoge den Tempel und das Gebet den Opferdienst auf Dauer ersetzt hat. Aus diesem Grund unterscheiden wir nicht zwischen Personen priesterlicher Abstammung (kohanim) und anderen Juden. Instrumentalmusik im Gottesdienst lehnen wir wegen dieser besonderen Bedeutung der Synagoge nicht ab.

24.

Wir treten für die Aufrichtigkeit (kawana) im Gottesdienst ein. Wir können nicht mit dem Mund etwas sagen, das unseren Herzen widerspricht (Ps 19,15). Daher haben wir zwar die traditionelle jüdische Liturgie größtenteils beibehalten, haben sie aber an wenigen Stellen durch einige Auslassungen, Abänderungen und Erläuterungen angepasst. Obwohl wir die Verwendung des Hebräischen als einende Sprache im Gottesdienst fördern, verwenden wir auch die Landessprache, um allen Jüdinnen und Juden die aktive Teilnahme am Gottesdienst zu ermöglichen. die Verwendung der Landessprache erfolgt im Einklang mit der halachischen Tradition (Mischna Sota 7,1; Maimonides, Mischne Thora Hilchot Berachot 1,6; Schulchan Aruch Orach Chajjim 101,4).

25.

Wir bestehen auf der Gleichberechtigung von Frauen und Männern im synagogalen Leben. Die Reformbewegung in Mitteleuropa vererbt uns hier eine Pionierrolle. In unseren Synagogen gibt es keine Geschlechtertrennung. Frauen leiten Gottesdienste und werden zur Tora aufgerufen (Talmud Megilla 23a; Schulchan Aruch Orach Chajjim 282,3), sie werden zu Rabbinerinnen ordiniert und können jedes Amt in der Synagoge inne haben.

Damit widerspricht das liberale Judentum den traditionellen Benachteiligungen der Frau wie dem Verbot, als Zeugin vor einem rabbinischen Gericht aufzutreten oder dem Verbot, das Kaddisch-Gebet zu sprechen.

Ein besonderes Problem ist auch die Aguna („die gebundene Frau“). Hier handelt es sich um eine verheiratete Frau, die nicht wieder heiraten kann, weil kein Scheidebrief vorliegt oder weil der Tod ihres Mannes nicht nachweisbar ist, z.B. bei Verschollenen, im Krieg Gefallenen oder in der Scho’ah ermordeten Männer. Das progressive Judentum versucht dieser traditionellen Benachteiligung der Frauen durch eine zeitgemäße Auslegung entgegenzuwirken.

26.

Wir achten auf die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen bei der religiösen Erziehung. Deswegen haben wir im letzten Jahrhundert neben der traditionellen Bar-Mitzwa im Alter ab 13 Jahren die Bat-Mitzwa im Alter ab 12 Jahren eingeführt.

27.

Wir sehen Männern und Frauen bei der Eheschließung und in den Ehegesetzen als gleichberechtigt an. Braut und Bräutigam spielen deshalb gleichermaßen eine aktive Rolle während der Trauung. Die religiöse Aufhebung einer Ehe sollte ebenso einvernehmlich erfolgen. Deswegen haben wir den traditionellen Get modifiziert, durch den der Ehemann einseitig seine Frau „wegschickt“.

28.

Wir achten den Grundsatz in Ezechiel 18, dass Kinder nicht für die Taten ihrer Eltern verantwortlich gemacht werden können. Wir lehnen daher das Gesetz des „Mamser“ ab, das die Nachkommen aus biblisch verbotenen Verbindungen bestraft.

29.

Obwohl die Tora oft von der väterlichen Abstammungslinie ausgeht, hat sich traditionell die mütterliche Abstammungslinie durchgesetzt. Wir sehen die Matrilinealität als traditionelles Merkmal der Verbundenheit mit dem jüdischen Volk. Wir fördern jedoch die Teilnahme am Gemeindeleben von Kindern, die nur einen jüdischen Vater haben, um ihnen den Weg ins Judentum zu erleichtern.

30.

Wir heißen Menschen gleichberechtigt willkommen, die sich uns aus ehrlicher Absicht anschließen möchten. Nach einer längeren Zeit jüdischen Lernens und der Teilnahme am Leben der Gemeinde geschieht der Übertritt vor einem Bet Din mit Brit Mila bzw. Mikwe und Gebet.

31.

Wir heißen in unseren Gemeinden alle Jüdinnen und Juden willkommen, unabhängig von ihrem Familienstand oder ihrer sexuellen Orientierung.

32.

Wir fühlen uns einem Leben nach den Mitzwot verpflichtet. Dabei fordern wir von uns im Sinne eines verantwortlichen, ethischen Verhaltens, dass die Beachtung der Mitzwot im Einklang mit der Freiheit des einzelnen Gewissens steht. Die Ausgestaltung dieser religiösen Gebote ist eine Gewissensentscheidung des Einzelnen. Für eine verantwortliche Gewissensentscheidung ist es jedoch unerlässlich sich stetig lernend mit den Anforderungen des Judentums auseinander zusetzen. Wir bemühen uns also darum, religiöse jüdische Tradition und Moderne in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen.

33.

Wir treten für den universalen, ethischen Anspruch der Propheten ein. Die Thora fordert von uns verantwortliches Handeln zur Errichtung einer friedlichen, gerechten und alle Menschen umfassenden Gesellschaft.

34.

Die traditionelle Gesetzgebung der Rabbinen ist nicht immer mit der heutigen sozialen Wirklichkeit und zeitgenössischen ethischen Ansichten in Einklang zu bringen. Deswegen feiern wir zum Beispiel die Feste entsprechend ihrer in der Thora vorgeschriebenen Dauer ohne die Verpflichtung zu einem zusätzlichen Feiertag, der in nachbiblischer Zeit aus Gründen eingeführt worden ist, die heute nicht mehr zutreffen. Aus dem gleichen Grund lehnen wir – als weiteres Beispiel – auch die veraltete Zeremonie der Chaliza ab, durch die ein Schwager von der nominellen Pflicht entbunden wird, eine nicht mehr erlaubte Leviratsehe einzugehen.

35.

Wir sind ganz dem Judentum verbunden und von seiner Besonderheit überzeugt. Doch wir erkennen an, dass die tiefste Wahrheit geheimnisvoll und komplex ist, und dass andere Traditionen sie aufrichtig auf andere Weisen suchen und für sich auch finden. Daher treten wir für die Achtung anderer Religionen und den Respekt vor ihnen ein. Deshalb bieten wir in Deutschland das offene Gespräch besonders den mit uns historisch verwandten monotheistischen Religionen Christentum und Islam an, aber auch alle anderen laden wir zum Gespräch ein. Wir wollen durch den Dialog mit unterschiedlichen Glaubensformen und Religionen gegenseitigem Verständnis, Freundschaft und Austausch fördern.