35 Grundsätze

Jude oder Jüdin ist, wer von einer jüdischen Mutter abstammt oder nach halachischen Regeln zum Judentum übergetreten ist.

Als Jude oder Jüdin zu leben, heißt traditionell, die kulturelle Tradition sowie die besonderen historischen Erfahrungen des jüdischen Volkes als Teil der eigenen Identität zu verstehen.

Als religiöser Jude oder religiöse Jüdin zu leben heißt, die religiösen und ethischen Forderungen der mündlichen und schriftlichen Tora lernend anzunehmen und die Mitzwot zu praktizieren. Dazu gehört auch die Aufgabe, diese Tradition zu bewahren und sie weiterzugehen.

Als liberaler religiöser Jude oder liberale religiöse Jüdin zu leben, heißt zusätzlich, in der Reflexion mit der im Schrifttum überlieferten Lehre ein jüdisches Leben zu führen, das den sozialen, kulturellen und ethischen Herausforderungen der Moderne entspricht. Unter Wahrung der Besonderheit des Judentums ist dabei das Bewusstsein von der Einheit aller Menschen als Gottes Geschöpfe zu vertiefen – entsprechend dem Ideal der Propheten: Gerechtigkeit und Liebe zu üben und im Dialog mit Gott weiterzugehen.

Grundsätze


Was viele Juden eint (1-16)

1. Uns eint unsere jüdische Tradition, die ererbte Kultur des jüdischen Volkes und seine zentrale Botschaft seit der Zeit Abrahams: die Herrschaft des einen Gottes. Juden glauben und bezeugen: Gott ist einzig und unteilbar. Er ist der Schöpfer der Welt, unsichtbar, transzendent und immanent. Gott schuf die Welt und erhält sie. Gott ist die Quelle der Ethik, Gott ist ein Gott der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit und erwartet, dass alle Menschen Gerechtigkeit und Wohltätigkeit untereinander üben.

2. Uns eint das jüdische Volk (am jisrael); in ihm lebt die jüdische Religion und das kulturelle Erbe. Alle Juden sind miteinander durch den am Sinai eingegangenen Bund (berit) mit dem Ewigen verbunden. Gott ging mit unseren Vorfahren eine besondere Beziehung ein. Das jüdische Volk nahm mit der Tora am Sinai eine besondere Verpflichtung für alle Zeiten an: Zeugen des Ewigen, als Priestervolk ein Vorbild und nur so „Licht der Völker“ zu sein. Für uns als Nachkommen entsteht daraus die Verantwortung Gott zu bezeugen, ihm verpflichtet zu sein und seinem Weg zu folgen.
Als Teil des jüdischen Volkes (klal jisrael) ist es uns geboten, sich überall für die Rechte seiner Angehörigen einzusetzen. Wir treten der Diskriminierung von Jüdinnen und Juden sowie aller jüdischen Gemeinden entgegen und setzen uns dafür ein, ihr materielles und geistiges Wohl zu fördern.

3. Uns eint das Band zum Staat Israel, unser Bestreben, uns für seine Sicherheit und den Frieden aller Bewohner in seiner Region einzutreten, seine Entwicklung zu fördern und ihn bei der Aufnahme von Einwanderern zu unterstützen. Nicht zuletzt setzen wir uns für die Ziele ein, die in der Unabhängigkeitserklärung Israels formuliert wurden.

4. Uns eint unsere Erfahrung und Erinnerung der jüdischen Geschichte durch die Generationen. Jüdisches Leben von seinen Anfängen bis heute ist ein einzigartiges Beispiel von Überleben, menschlicher Leistung und göttlicher Handlung. Die Kreativität jüdischen Lebens zeigt sich in vielen Ländern und unter verschiedenen Bedingungen. Die Erinnerung an die blühenden Zeiten in der Diaspora, als auch an die Zeiten fast unaussprechlichen Schreckens bestärken uns in unserem Willen, zum Überleben des jüdischen Volkes und damit des Judentums, beizutragen.
Die Geschichte ist ein linearer Prozeß mit Fortschritten und Rückschritten, Siegen und Niederlagen. Gott hat der Geschichte ein Ziel gesetzt: das ist die Zeit, in der alle Menschen den Einen Gott verehren werden, in der das Gute über das Böse triumphieren und das Reich der Freiheit, Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens für alle Zeiten und für alle Welt errichtet wird. Als Juden streben wir nach dem von Gott gesetzten Ziel der Geschichte: in der messianischen Zeit ist die Menschheit eins und mit dem Ewigen versöhnt. Menschen als Gottes Geschöpfe können mit ihrer Lebensführung aus freiem Willen zum Kommen des messianischen Zeitalters beitragen.

5. Uns eint die jüdische Lehre über die Tora. Das Volk Israel erhielt am Sinai und in der darauf folgenden Zeit durch Offenbarung und Inspiration, durch Nachdenken und Diskussion ein zunehmendes Verständnis von Gottes Willen. Dies ist ein kontinuierlicher Prozess.
Mit allen Juden streben wir durch das Studium der Schriften nach Erkenntnis. Sie umfassen die schriftliche und die mündliche Thora sowie alle philosophischen und literarischen Ausdrucksformen des jüdischen Geistes. Torastudium soll in jeder Familie und muss in jeder Generation so umfassend wie möglich stattfinden. Dies erst ermöglicht uns jüdisches Leben und Handeln, um es dann in verbindliche Lebenspraxis im Einklang mit der Tora umzusetzen. Die Schriften sind uns eine Quelle der Weisheit, aus der wir immer wieder schöpfen, um Orientierung und geistige Anregung zu suchen.

6. Uns eint das jüdische Lernen (talmud tora). Wir halten die institutionelle und die familiäre Unterweisung von Kindern und Erwachsenen in der jüdischen Geschichte und Literatur, Gedankenwelt und Praxis sowie in der hebräischen Schrift und Sprache für eine Voraussetzung und Grundlage des jüdischen Lebens, damit es von Generation zu Generation weiterbesteht.

7. Uns eint das jüdische Bild vom Menschen. Der Mensch ist geschaffen im Bild Gottes, er hat einen freien Willen, er ist fähig, das Gute zu tun bis zum Besten und das Böse bis zum Schlimmsten. Der Mensch ist sterblich und trägt doch die Ewigkeit in sich. Der Mensch steht in unmittelbarer und persönlicher Beziehung zu seinem Schöpfer und kann diese Beziehung durch Umkehr (teschuwa) erneuern, wenn sie gestört ist.

8. Uns einen die Mitzwot. Wir sind den Weisungen Gottes verpflichtet, ihren rituellen und ethischen Geboten, die uns fortwährend an die Aufgabe des jüdischen Volkes erinnern: nämlich ethisches Vorbild zu sein und die Gebote praktisch und mit Gebet umzusetzen. Dies bedeutet auch zu lernen und sich für eine bessere Gesellschaft und den Erhalt der Schöpfung einzusetzen.

9. Uns einen die ethischen Werte des Judentums. Zu ihnen zählen die Ehrfurcht vor dem Leben, die Achtung vor Menschen und ihr Recht auf unversehrtes Leben und Besitz, die Pflicht zur Sorge um Arme und Kranke, das Streben nach Frieden (schalom), Wohltätigkeit gegenüber anderen (gmilut chassadim), gute Taten und soziale Gerechtigkeit (zedaka). Als eigenverantwortliche Partnerinnen und Partner in der Schöpfung haben wir gemäß diesen Werten gegenüber der Umwelt und allen Geschöpfen, die in ihr leben, zu handeln.

10. Uns eint die jüdische Sicht auf das familiäre Heim des Menschen als „kleines Heiligtum“ (mikdasch meat), das von der Schönheit des Heiligen erfüllt ist. Hier können die Werte und Traditionen des Judentums am besten vorgelebt, gelehrt und von Generation zu Generation weitergegeben werden.

11. Uns eint die Verpflichtung gegenüber der Synagoge (bet haknesset) und der sie tragenden Gemeinde. Sie ist das gemeinschaftlich geleitete jüdische Zentrum. Sie hat eine dreifache Funktion: Sie ist ein Haus des Gebets, Haus der Gemeinschaft und Haus des Lernens.

12. Uns eint die Bedeutung, die wir jüdischem Gebet und jüdischem Gottesdienst in der Gemeinschaft zumessen. Sie sind Wege, auf denen der Einzelne und die Gemeinde immer wieder nach der Gegenwart Gottes suchen, geistige Kraft aus der religiösen Tradition Israels schöpfen und sich bewusst machen, wo sie Verantwortung übernehmen müssen.

13. Uns eint die Liturgie des jüdischen Gebets. Unverzichtbare Bestandteile des jüdischen Gebets sind das Sch’ma als Bekenntnis der Einzigkeit Gottes, die Amida als zentrales Gebet, in dem wir Gott loben und seine Hilfe erbitten sowie die öffentliche Lesung der Tora. Hierzu treten eine Fülle von Segenssprüchen, Gebeten, Liedern und Hymnen, die jüdische Weise, Dichter und Mystiker in verschiedenen Ländern zu unterschiedlichen Zeiten verfasst haben.

14. Uns eint die Heiligung des Schabbat. Wir gedenken des siebten Tages als Tag der Ruhe und Freude, des Lernens und des Gebets. Wir feiern ihn durch Arbeitsruhe, durch Gottesdienst, das Kerzenanzünden, durch die Rituale von Kiddusch und Hawdala.

15. Uns eint das Feiern der Feste des jüdischen Kalenders. So begehen wir die Hohen Feiertage (Jamim noraim) mit Rosch ha-Schana und Jom Kippur als Tage der Besinnung, Umkehr und geistigen Erneuerung. An den drei Wallfahrtsfesten (Pessach, Schawuot und Sukkot) feiern wir Freiheit und Offenbarung. Am Schlußfest (Simchat Thora) drücken wir unsere Liebe zur Tora aus. Wir feiern Chanukka und fördern die Feier von Purim, Tu-Bisch’wat) sowie der Fasttage wie Tischa be-Aw. Darüber hinaus begehen wir Jom ha-Azma’ut und Jom ha-Scho’ah.

16. Uns eint die Begleitung des jüdischen Lebens durch religiöse Handlungen. Dazu gehören Beschneidung (brit mila) und Namengebung nach der Geburt, Eintritt ins Erwachsenenalter durch Bar-Mitzwa oder Bat-Mitzwa, Hochzeit unter der Chuppa, die Einweihung eines Hauses, schließlich Beerdigung und Trauer, die wir alle mit einem religiösen Ritual in der jüdischen Tradition begehen.

Besonderheiten des liberalen Judentums (17-35)

17. Es gab nie einen Stillstand im Judentum, sondern stets eine nach vorn strebende Bewegung, die manchmal langsamer, manchmal schneller war. Die jüdische Geschichte ist reich an Kontinuität und an Veränderung.
Selbst biblisch fixierte Gesetze wurden in der mündlichen Tradition oder durch Ortsbrauch, Minhag, verändert oder außer Kraft gesetzt. Beispiele hierfür sind die Stellung zu Tieropfer, Kapitalstrafen, Polygamie, Sklaverei, die Leviratsehe oder der Schuldenerlass im siebten Jahr.
Wir erkennen den dynamischen, entwicklungsorientierten Charakter unserer jüdischen Religion an, der bereits in der Tradition angelegt ist. Wir möchten unsere jüdische Tradition religiös leben und dabei die Herausforderungen der Moderne im Kontext unserer Überlieferung reflektieren.

18. Das Judentum war nie einheitlich, sondern stets pluralistisch. Wir achten die Vielfalt unserer Tradition. Die heutige Auffächerung des Verständnisses der Tradition in verschiedene Richtungen des Judentums geht bereits auf Entwicklungen des 18. Jahrhunderts zurück. Durch die Aufklärung wurde das jüdische Leben stark verändert. Sie stellte grundlegende Fragen an den jüdischen Glauben und seine Ausübung. Orthodoxe und liberale Juden haben unterschiedliche Antworten auf diese Fragen gefunden. Wir setzen uns für die wechselseitige Achtung und Toleranz aller jüdischen Richtungen ein.

19. Wir sind Teil der progressiven jüdischen Gemeinden, die Millionen von Juden auf der Welt vereint.

20. Die jüdische Tradition bewahrt eine Fülle von verschiedenen Gedanken und Lehren, aus der wir noch heute schöpfen und die unser religiöses Leben bereichert. Persönlichkeiten, die mit ihrer Suche nach einem lebendigem Judentum das liberale Judentum prägten und von denen wir in besonderem Maße lernen, waren unter anderem Abraham Geiger, David Einhorn, Leopold Zunz, Kaufmann Kohler, Israel Jacobson, Martin Buber, Leo Baeck, die erste Rabbinerin Regina Jonas sowie unsere Zeitgenossen Pnina Navé Levinson und Schalom Ben-Chorin.

21. Im traditionellen Judentum gelten die heiligen Schriften als unmittelbare Offenbarung, das heißt als von Gott wörtlich eingegeben, eindeutig und unveränderbar. Das liberale Judentum betrachtet die Schriften als menschlichen Ausdruck einer existentiellen, religiösen Erfahrung des jüdischen Volkes, in denen sich der eine Gott offenbart. Die Autoren der hebräischen Bibel spiegeln in ihren Schriften Zeugnisse einer spezifischen Glaubenserfahrung und göttliche Inspiration. Wenn wir uns heute mit diesen Schriften auseinandersetzen, reflektieren wir diese Erfahrungen und Erkenntnisse im Rahmen der jüdischen Auslegungstradition. Gleichzeitig erkennen wir einen kritischen Umgang mit den Quellen und moderne Methoden der Bibel- und Textauslegung an.

22. Das traditionelle Judentum geht von dem Glauben an einen Messias aus, der eines Tages alle Juden aus dem Exil zusammenbringen und auf dem Thron einer wiederhergestellten davidischen Monarchie sitzen würde. Wir dagegen bekräftigen die Hoffnung der Propheten auf ein universales, messianisches Zeitalter, das dadurch entsteht, dass die gesamte Menschheit Gottes Willen annimmt.

23. Das traditionelle Judentum glaubt, dass der Tempel wieder errichtet werden würde, wenn der Messias kommt und die in der Bibel vorgeschriebenen Opfer dann erneut von einer erblichen Priesterschaft durchgeführt würden. Aus Trauer um die Zerstörung des Tempels lehnte man Instrumentalmusik im Gottesdienst ab. Wir haben die Auffassung, dass die Synagoge den Tempel und das Gebet den Opferdienst auf Dauer ersetzt hat. Aus diesem Grund unterscheiden wir nicht zwischen Personen priesterlicher Abstammung (kohanim) und anderen Juden. Instrumentalmusik im Gottesdienst lehnen wir wegen dieser besonderen Bedeutung der Synagoge nicht ab.

24. Wir treten für die Aufrichtigkeit (kawana) im Gottesdienst ein. Wir können nicht mit dem Mund etwas sagen, das unseren Herzen widerspricht (Ps 19,15). Daher haben wir zwar die traditionelle jüdische Liturgie größtenteils beibehalten, haben sie aber an wenigen Stellen durch einige Auslassungen, Abänderungen und Erläuterungen angepasst. Obwohl wir die Verwendung des Hebräischen als einende Sprache im Gottesdienst fördern, verwenden wir auch die Landessprache, um allen Jüdinnen und Juden die aktive Teilnahme am Gottesdienst zu ermöglichen. die Verwendung der Landessprache erfolgt im Einklang mit der halachischen Tradition (Mischna Sota 7,1; Maimonides, Mischne Thora Hilchot Berachot 1,6; Schulchan Aruch Orach Chajjim 101,4).

25. Wir bestehen auf der Gleichberechtigung von Frauen und Männern im synagogalen Leben. Die Reformbewegung in Mitteleuropa vererbt uns hier eine Pionierrolle. In unseren Synagogen gibt es keine Geschlechtertrennung. Frauen leiten Gottesdienste und werden zur Tora aufgerufen (Talmud Megilla 23a; Schulchan Aruch Orach Chajjim 282,3), sie werden zu Rabbinerinnen ordiniert und können jedes Amt in der Synagoge inne haben.
Damit widerspricht das liberale Judentum den traditionellen Benachteiligungen der Frau wie dem Verbot, als Zeugin vor einem rabbinischen Gericht aufzutreten oder dem Verbot, das Kaddisch-Gebet zu sprechen.
Ein besonderes Problem ist auch die Aguna („die gebundene Frau“). Hier handelt es sich um eine verheiratete Frau, die nicht wieder heiraten kann, weil kein Scheidebrief vorliegt oder weil der Tod ihres Mannes nicht nachweisbar ist, z.B. bei Verschollenen, im Krieg Gefallenen oder in der Scho’ah ermordeten Männer. Das progressive Judentum versucht dieser traditionellen Benachteiligung der Frauen durch eine zeitgemäße Auslegung entgegenzuwirken.

26. Wir achten auf die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen bei der religiösen Erziehung. Deswegen haben wir im letzten Jahrhundert neben der traditionellen Bar-Mitzwa im Alter ab 13 Jahren die Bat-Mitzwa im Alter ab 12 Jahren eingeführt.

27. Wir sehen Männern und Frauen bei der Eheschließung und in den Ehegesetzen als gleichberechtigt an. Braut und Bräutigam spielen deshalb gleichermaßen eine aktive Rolle während der Trauung. Die religiöse Aufhebung einer Ehe sollte ebenso einvernehmlich erfolgen. Deswegen haben wir den traditionellen Get modifiziert, durch den der Ehemann einseitig seine Frau „wegschickt“.

28. Wir achten den Grundsatz in Ezechiel 18, dass Kinder nicht für die Taten ihrer Eltern verantwortlich gemacht werden können. Wir lehnen daher das Gesetz des „Mamser“ ab, das die Nachkommen aus biblisch verbotenen Verbindungen bestraft.

29. Obwohl die Tora oft von der väterlichen Abstammungslinie ausgeht, hat sich traditionell die mütterliche Abstammungslinie durchgesetzt. Wir sehen die Matrilinealität als traditionelles Merkmal der Verbundenheit mit dem jüdischen Volk. Wir fördern jedoch die Teilnahme am Gemeindeleben von Kindern, die nur einen jüdischen Vater haben, um ihnen den Weg ins Judentum zu erleichtern.

30. Wir heißen Menschen gleichberechtigt willkommen, die sich uns aus ehrlicher Absicht anschließen möchten. Nach einer längeren Zeit jüdischen Lernens und der Teilnahme am Leben der Gemeinde geschieht der Übertritt vor einem Bet Din mit Brit Mila bzw. Mikwe und Gebet.

31. Wir heißen in unseren Gemeinden alle Jüdinnen und Juden willkommen, unabhängig von ihrem Familienstand oder ihrer sexuellen Orientierung.

32. Wir fühlen uns einem Leben nach den Mitzwot verpflichtet. Dabei fordern wir von uns im Sinne eines verantwortlichen, ethischen Verhaltens, dass die Beachtung der Mitzwot im Einklang mit der Freiheit des einzelnen Gewissens steht. Die Ausgestaltung dieser religiösen Gebote ist eine Gewissensentscheidung des Einzelnen. Für eine verantwortliche Gewissensentscheidung ist es jedoch unerlässlich sich stetig lernend mit den Anforderungen des Judentums auseinander zusetzen. Wir bemühen uns also darum, religiöse jüdische Tradition und Moderne in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen.

33. Wir treten für den universalen, ethischen Anspruch der Propheten ein. Die Thora fordert von uns verantwortliches Handeln zur Errichtung einer friedlichen, gerechten und alle Menschen umfassenden Gesellschaft.

34. Die traditionelle Gesetzgebung der Rabbinen ist nicht immer mit der heutigen sozialen Wirklichkeit und zeitgenössischen ethischen Ansichten in Einklang zu bringen. Deswegen feiern wir zum Beispiel die Feste entsprechend ihrer in der Thora vorgeschriebenen Dauer ohne die Verpflichtung zu einem zusätzlichen Feiertag, der in nachbiblischer Zeit aus Gründen eingeführt worden ist, die heute nicht mehr zutreffen. Aus dem gleichen Grund lehnen wir – als weiteres Beispiel – auch die veraltete Zeremonie der Chaliza ab, durch die ein Schwager von der nominellen Pflicht entbunden wird, eine nicht mehr erlaubte Leviratsehe einzugehen.

35. Wir sind ganz dem Judentum verbunden und von seiner Besonderheit überzeugt. Doch wir erkennen an, dass die tiefste Wahrheit geheimnisvoll und komplex ist, und dass andere Traditionen sie aufrichtig auf andere Weisen suchen und für sich auch finden. Daher treten wir für die Achtung anderer Religionen und den Respekt vor ihnen ein. Deshalb bieten wir in Deutschland das offene Gespräch besonders den mit uns historisch verwandten monotheistischen Religionen Christentum und Islam an, aber auch alle anderen laden wir zum Gespräch ein. Wir wollen durch den Dialog mit unterschiedlichen Glaubensformen und Religionen gegenseitigem Verständnis, Freundschaft und Austausch fördern.